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Schutzfaktor Glück

Roger Tondeur (li.), hier mit Sohn Sébastien, dem CEO der MCI Group (Photo: MPI)

Der Druck auf Angestellte wächst in Krisenzeiten, Burn-out ist in aller Munde. Die Meetingbranche fordert viel – muss sie verhindern, dass sich manche überfordern?

Angst.
„Es gibt so viele Eventmanager, die darauf warten Deinen Job zu übernehmen, wenn Du schlechte Arbeit ablieferst oder nicht kuschst“, beklagt sich die Eventmanagerin einer Agentur über ihren Job. Ihre Kritik gipfelt in der resignierten Aussage: „In diesem Job wirst Du teilweise echt ausgebeutet und verscheuert.“ Das Zitat stammt aus einem anonymisierten Interview in der Bachelorarbeit von Christine Schilke. Die Absolventin der Hochschule Osnabrück befragte insgesamt zwölf Eventmanager aus Veranstaltungszentren und Eventagenturen in Deutschland für ihre Arbeit unter dem Titel „Work-Life-Balance in der Veranstaltungsbranche: Analyse und Empfehlungen“.
Um die Härten des Jobs im Agenturbereich weiß Roger Tondeur. Der Gründer und heutige Präsident der Agenturgruppe MCI regiert mittlerweile über ein Imperium mit 2.000 Mitarbeitern in 47 MCI-Niederlassungen weltweit.

Dass Frustrations- und Ohnmachtsgefühle bei der Arbeit für MCI entstehen, die sogar zum Burn-out führen könnten, schließt Roger Tondeur aus: „Wenn jemand ausbrennt, hat er den falschen Beruf“, findet er. Für den Unternehmer liegen 50 Prozent der Verantwortung für ein ausgeglichenes Inneres beim Angestellten selbst, 50 Prozent beim Arbeitgeber. Dem versucht MCI gerecht zu werden: „Wir strengen uns sehr an und treiben großen Aufwand, um eine Firmenkultur zu schaffen, die Leichtigkeit bei der Arbeit, Spaß vermittelt.“ „Spaß bei der Arbeit zu haben“ sei eine der obersten Prioritäten der Firmenphilosophie von MCI. Was Tondeur allgemein „Spaß“ nennt, wird in der Arbeitspsychologie als Flow-Gefühl beschrieben, das unser Tun mühelos „fließen“ oder „strömen“ lässt. Das DASA-Symposium „The Future of work“ widmete sich zuletzt dem „Glück bei der Arbeit“ (siehe Seite 22).

Benediktinerpater Anselm Grün kennt das „Flow-Gefühl“. „Es wird in uns wirksam, wenn wir uns an die Arbeit und an Menschen hingeben, uns bei der Arbeit selbst vergessen“, sagt der Bestsellerautor. Der Geistliche aus der Abtei Münsterschwarzach ist eine Art deutscher Popstar unter den Konferenzrednern, oft gebucht für Managerseminare. Er sagt: „Hingabe meint, ganz bei der Arbeit, in Berührung mit den Dingen zu sein, die ich gerade tue, und mich selbst und meine Nebenabsichten dabei zu vergessen.“
Nebenabsichten sind für Pater Anselm zum Beispiel übergroßer Ehrgeiz. Von solchen Haltungen gefährdet sieht er insbesondere Menschen, die schulische oder berufliche Leistung als einzige Möglichkeit kennengelernt haben, Anerkennung und menschliche Zuwendung zu erhalten. „Das sind trübe Quellen, aus denen dann geschöpft wird.“ Die gesunden Quellen, die uns nähren und erfrischen, sind für Pater Anselm vor allem in der frühen Kindheit zu finden. Für Erwachsene gelte es, mit diesen Quellen wieder in Berührung zu kommen. Dazu sei die Frage nützlich: „Was machte uns als Kindern Freude?“ Es gelte dann Analogien zwischen Beschäftigungen zu finden, die dem Kind Freude schenkten, und den heute bei der Arbeit ausgeübten Tätigkeiten. „Immer wenn wir uns von außen etwas überstülpen, kostet es uns Kraft. Die eigene Quelle dagegen schenkt uns Kraft“, ist Pater Anselm überzeugt. Für ihn geht es um gesunde Absichten, die mit inneren Werten in Einklang stehen.

Inge Tremmel, Managing Director Europe der International Conference Services GmbH in Wien, liebt etwa den projektbezogenen Rhythmus der Meetingbranche. Stets gebe es ein klares Ziel, auf das alle hinarbeiten müssten. Das eröffne ihr auch die Möglichkeit zum gezielten Stressabbau: „Wenn das Event gelaufen ist, dann plane ich bewusst eine Auszeit ein“, so Tremmel. Insbesondere wichtig sei es, seine eigene Mitte zu finden, „zurückzukommen zu mir“. Tremmel etwa schöpft Kraft beim Yoga. „Andere finden’s beim Laufen im Prater oder beim Heurigen“, sagt sie, lächelt und ärgert sich über den leichtfertigen Umgang mit dem Begriff des Burn-out. Wichtig sei, dass man seine Grenzen erkennt, meint sie, und berichtet von einem Bekannten aus der Branche, der in einen echten Burn-out-Zustand geriet: „Der ist im Hamsterrad einfach immer weitergelaufen, der erkannte gar nicht, dass er an einem Burn-out leidet!“

Roger Tondeur kann sich nur an zwei Burn-out-Fälle bei MCI erinnern. Die betreffenden Mitarbeiter seien allerdings nicht von MCI eingestellt worden, sondern durch die Übernahme einer internen Meetingabteilung eines Unternehmens in der deutschsprachigen Schweiz zu MCI gekommen. „Sie waren an diese Art des Drucks nicht gewöhnt; sie hatten sehr bald danach einen Burn-out.“ Schon bei der Einstellung achte MCI daher extrem darauf, ob es sich bei den Bewerbern eventuell um Burn-out-Gefährdete handeln könnte. Tondeur erklärt, er stoße speziell in deutschsprachigen und skandinavischen Ländern auf solche Probleme: „Viele junge Leute aus diesen Ländern sind viel zu verwöhnt. Sie sind so daran gewöhnt, viel Geld zu verdienen und trotzdem viel Freizeit zu haben. Gerade diese Leute brennen dann aus.“ In Asien oder in Lateinamerika gebe es dieses Problem jedenfalls nicht.

Alles Einstellungssache also? Angesichts externer Faktoren sicher nicht nur. Dem allgemeinen Wirtschaftsklima kann sich auch die Meetingbranche in Deutschland 2011 nicht entziehen. Dort meldete die alteingesessene „kogag Agentur für Live-Kommunikation GmbH“ am 31. Oktober 2011 Insolvenz an. Die nervlichen Belastungen für die Mitarbeiter können nur erahnt werden, wenn der geschäftsführende kogag-Gesellschafter Ralf Domning den tiefen Fall mit den Worten kommentiert: „Besonders leid tut es mir um unsere loyalen Mitarbeiter und Zulieferer. Wir werden alles dafür tun, um für sie und alle anderen Beteiligten eine gute Lösung zu finden.“ In der Gesamtwirtschaft wachsen der Druck und die Angst, den Job zu verlieren seit Jahren kontinuierlich. Die deutsche Gewerkschaft IG Metall zum Beispiel hat im September 2011 eine Umfrage veröffentlicht. 86 Prozent der befragten Betriebsräte sagten dabei, der Anstieg psychischer Erkrankungen in den Betrieben sei ein ernst zu nehmendes Problem.
Für MCI-Präsident Roger Tondeur bleibt der wichtigste schützende Faktor die Firmenkultur. Die müsse auch dafür sorgen „den Druck abzulassen“. „Wir feiern viele Feste, Kick-Off-Partys und Partys nach Abschluss von Projekten.“ Während eines Projekts würden sich manche im Eifer des Gefechts schon mal anschreien. Umso wichtiger sei, dass „wir uns danach treffen, uns umarmen und uns gemeinsam auf das nächste Projekt freuen!“ 

www.mci-group.com
www.anselm-gruen.de
www.wiso.hs-osnabrueck.de

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