Brennende Fragen in Stuttgart

Die EVVC-Managementfachtagung überzeugte mit Sonne, viel Networking und Vorträgen zu heiß diskutierten Themen wie Veranstaltungssicherheit nach Duisburg.
Scharfzüngig. Als „unbedacht und überstürzt“ verurteilte Professor Dr. Dieter Hundt den Ausstieg aus der Kernenergie bei der EVVC-Managementfachtagung. Der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC) hatte dazu 330 Teilnehmer im Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle in Stuttgart versammelt. Die Energiewende werde noch einiges an Kopfzerbrechen bereiten, prophezeite Arbeitgeberpräsident Hundt düster. Tatsächlich fürchtet die Veranstaltungsbranche steigende Energiepreise.
EVVC-Präsident König sieht den Verband durch seine Anstrengungen im politischen Lobbying allerdings bestens aufgestellt, um auf mildernde Umstände für die Branche hinzuwirken. „Es würde uns schwerer fallen zu agieren und Dinge für unsere Mitglieder zu erreichen, wenn wir uns jetzt erst formieren müssten.“ So kämpft der Verband etwa bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) darum, in Sanierungs-Projekten als förderwürdig bedacht zu werden. Die energetische Sanierung vieler Veranstaltungsstätten, die oft Ende der 60er und Anfang der 70er-Jahre erbaut worden seien, hält der EVVC-Präsident für erstrebenswert. Hier konstatiert König einen „erheblichen Sanierungsstau insbesondere unter energetischen Gesichtspunkten“.
Dem Primärrisiko des Geschäfts von Hallenbetreibern und Veranstaltern näherte sich dagegen Professor Dr. Eva-Maria John in ihrer viel diskutierten Key-Note-Rede am Kongress-Sonntag. Die Katastrophe von Duisburg wurde von John zwar nur am Rande erwähnt, dürfte jedoch bei der Rede den meisten Zuhörern gedanklich und emotional präsent gewesen sein. Unglücksfälle durch eine außer Kontrolle geratende Masse seien nie völlig auszuschließen, betonte John. Hallenbetreiber und Veranstalter würden sich als „emotional getrennt“ von „der Masse“, den Zuschauern und Gästen also, erleben. Die Steuerbarkeit sei begrenzt, die Gefahren könnten niemals vollständig beherrscht werden, so klein das Risiko auch rational betrachtet sei. Daraus resultierten Ängste.
„Archaische Vernichtungsängste“ nannte John diese Gefühle gar, die angesichts von Gefahren wie einer außer Kontrolle geratenden Masse ebenso wie externen Bedrohungen ausgelöst werden könnten. Vermeiden ließen sich diese Ängste nicht. Eine natürliche Reaktion darauf sei die Verleugnung des Risikos. „Ich verdränge, dass etwas passieren könnte“ – je größer eine Gruppe sei, desto leichter falle die kollektive Verdrängung. Beleg dafür war für Eva-Maria John der verheerende Brand im Terminal des Flughafens Düsseldorf am 11. April 1996.
Ein vor Ort entstandenes Gerücht, dass die längst bemerkte Rauchentwicklung wohl nur durch eine Rauchbombe verursacht sein könnte, verhinderte hier ein frühzeitiges Ausrücken der Feuerwehr. Typischerweise hätten hier Menschen unangemessen reagiert, die in ihrem Alltag den stets vorhandenen Risiken mit kollektiver Verleugnung begegneten. „Es wird schon alles gut gehen“ sei der Leitsatz, der einen Teufelskreis aus unangemessenem Verhalten auslösen kann, an dessen Ende solches mit Abstand fast ignorant und leichtsinnig wirkendes Verhalten stehen kann.
Auf die Loveparade-Katastrophe geht John hier nun ein: „Ich behaupte, die offensichtlichen Fehler dort waren keine Zufälle!“
Psychologisch sei diesem Teufelskreis zu
begegnen, indem man die Ängste bewusst
reflektiere statt zu verleugnen. Dies ermögliche eine Bearbeitung dieser Ängste, die damit aus dem Unbewussten, der Verdrängung, ins Bewusstsein treten könnten. Dagegen wehrten sich die meisten Menschen, weil die Angst
dadurch in einem notwendigen ersten Schritt als größer empfunden werde.
„Diesen Prozess muss man ganz oben in der Organisation ansetzen.“ In einem vertiefenden Workshop mit einer Gruppe von 25 Teilnehmern ermöglichte John diesbezügliche Selbsterfahrung der Teilnehmer in Kleingruppen-Gesprächen. „Der Chef kann nur führen, wenn er sich seiner eigenen Ängste bewusst ist“, unterstrich Eva-Maria John.
Beim Thema Veranstaltungssicherheit hakte EVVC-Präsident Joachim König ein, als er die Mitglieder über die aktuellsten Entwicklungen im Verband informierte. Die Diskussionshoheit in der Veranstaltungssicherheit für die Fachleute seiner Branche zurückgewinnen will König demnach. Mittlerweile bieten sich nach Beobachtungen des Verbands „eine ganze Reihe von Beratern und Einzelpersonen an, die sich als kompetente Ansprechpartner für Konzepte und Strategien im Sicherheitsbereich empfehlen“. Joachim König: „Oftmals überschreiten hier jedoch die kommerziellen Aspekte die sachlichen Kompetenzen. Dem möchten wir als Verband entgegenwirken.“
Dieses will der EVVC mit der Einrichtung der Deutschen Prüfstelle für Veranstaltungstechnik (DPVT) verwirklichen. Dabei trägt der EVVC unter drei Gesellschaftern, auf die sich die DPVT stützt, 20 Prozent und hält damit den kleinsten Anteil. Die DPVT ist kürzlich offiziell gegründet worden. Mit einer Vorlaufzeit von etwa zwei Jahren sei laut EVVC-Präsident zu rechnen, bis es zu einem „größeren Gesamtvolumen im Bereich der Zertifizierung“ kommt. Zertifizierungen würden zunächst vorrangig im Bereich Veranstaltungstechnik angeboten, wobei es „durchaus gewollt und konzeptionell geplant ist, dass sich die DPVT in Zukunft auch anderen Bereichen, wie zum Beispiel dem der Sicherheitskonzepte widmen wird“.
Insgesamt waren die Teilnehmer gelös-ter Stimmung – auch, weil das fachliche Programm überzeugte. Zum ersten Mal bei der EVVC-Tagung dabei gewesen ist Peter Heintel, Geschäftsführer der TUI-Arena in Hannover. Neben dem „mit viel Herzblut klasse organisierten“ Programm habe er auch inhaltlich viel mitgenommen, beispielsweise bei einem Vortrag zum Facility Management der Max-
Schmeling-Halle in Berlin. Beim Kollegen-abend im Schweinemuseum und beim Fest-abend in der Alten Stuttgarter Reithalle feierten die Teilnehmer sich und den EVVC bei sonnigem Herbstwetter.





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