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Weggepustet wie Vulkanasche

Photo: cc Daniel Seiffert

Die Berliner Web-2.0-Konferenz re:publica hat 2010 neue Zielgruppen angezogen – und stößt an ihre ­Grenzen. Das ICC Berlin wäre den ­Organisatoren aber "viel zu unsexy".'

Eruption.
„Die Konferenzplanung sollte künftig Vulkanausbrüche in Island miteinbeziehen“, spielt Veranstalter Markus Beckedahl auf den gesperrten Luftraum über Nordeuropa an. Die Vulkan-asche wirbelte das Konferenzprogramm bei der re:publica etwas durcheinander, weil fünf Redner nicht nach Berlin fliegen konnten. Das schmälerte die Bilanz keineswegs: Mit 2.500 Teilnehmern, drei Venues, neun Bühnen und 165 Sessions hat sich die vierte re:publica vom 14. bis 16. April 2010 neue Zielgruppen erschlossen. Die einstige ausschließliche Bloggerkonferenz hat ihr thematisches Spektrum um politische und gesellschaftliche Fragen erweitert. Die wirft das Internet auf mit Microblogging-Gezwitscher via Twitter, Blogs und zunehmender Social-Media-Vernetzung, gerade auch über die Informations-Barrieren autoritärer Staaten hinweg. Eine iranische Bloggerin fesselt das Publikum ebenso wie ein Wikileaks-Sprecher, der aus Angst vor Repressalien unter Pseudonym auftritt. Er wirbt um Informanten und Zuträger für die Organisation, die gegen Web-Zensur und für die Publikation von Dokumenten kämpft, die Wirtschaft oder Behörden lieber unter Verschluss halten würden. Insgesamt stammen die Redner aus 30 Ländern.

Drei Themenschwerpunkte
sind im Programm als Unterkonferenzen ausgewiesen. Dazu gehört „Netzneutralität“, unter anderem mit medienrechtlichen Vorträgen wie „Wer will aus welchem Grund den Internetzugriff beschränken?“ Daneben locken „Hacks4democracy“ und „re:campaign“, die politische Netz-Kampagnen und Guerilla-Aktivitäten vorstellen. Eine Twitterlesung bringt am ersten Tag Tweets als „Twitteratur“ in 140-Zeichen-Happen zu Gehör. Markus Beckedahl, einer von vier re:publica-Gründern und Betreiber des Blogs „netzpolitik.org“, wirkt ziemlich ausgeglichen und zufrieden, als er am letzten Konferenztag im Innenhof des Veranstaltungszentrums Kalkscheune sitzt.

Die klassischen Printmedien,
bei der re:publica gerne als „wooden press“ verspottet, bescheinigen Beckedahl „Einfluss auf die deutsche Internet-Politik“. Beckedahl: „Die re:publica ist immer auch noch ein Familientreffen der Blogosphäre, aber die Hälfte der Besucher hat damit nichts mehr zu tun.“ Dies sei auch auf eine neue Selbstverständlichkeit des Umgangs mit dem Medienwandel zurückzuführen. „Wir müssen uns nicht mehr dafür entschuldigen, dass wir Blogger sind. Viele Blogs sind relevanter geworden.“
Hier in der Kalkscheune im Ostteil der Stadt fand 2007 die erste re:publica statt.

Neben dieser einstigen Maschinenfabrik in Backsteinoptik und mit stimmungsvollem Innenhof wird inzwischen der benachbarte, viel größere Friedrichstadtpalast mit Plenum für 1.895 Delegierte bespielt, 2010 erstmals auch der Quatsch Comedy Club im Untergeschoss. „Wir stoßen mittlerweile an Kapazitätsgrenzen“, räumt Markus Beckedahl ein. Ein Umzug sei wie jedes Jahr ein Thema, ein besserer Veranstaltungsort allerdings kaum zu finden. Angesprochen auf das Kongresszentrum ICC, winkt Beckedahl grinsend ab: „Die Atmosphäre ist sehr wichtig für die re:publica. Das ICC wäre völlig unsexy!“

Internet-Guru Jeff Jarvis aus New York stellt zu Deutschland nüchtern fest: „Bloggen ist in den USA einfach viel verbreiteter.“ Der re:publica-Redner arbeitet unter anderem als Journalistik-Professor. Mit „buzzmachine.com“ hat sich Jarvis in den USA als äußerst populärer und weithin beachteter Blogger einen Namen gemacht. Zur re:publica und der dort versammelten deutschen Blogger-Szene sagt er: „Es ist toll, der Bloggerszene bei ihren Treffen zuzusehen. Wir versuchen immer die Community zu vergrößern – warum sie in Deutschland nicht recht in Schwung kommt, weiß ich nicht. Vielleicht wollen Deutsche ihre Meinungen und Schwächen lieber für sich behalten.“ Sein Vortrag „Das deutsche Paradox – Privatsphäre, Öffentlichkeit und Penisse“ füllt das Plenum mühelos.  arin befasst sich Jarvis mit der aus seiner Sicht übertriebenen deutschen Angst vor der Veröffentlichung privater Daten oder unvorteilhafter Fotos im Internet. Umgekehrt seien Deutsche im Vergleich zu seinen eigenen Landsleuten in der Sauna sehr freizügig.

Zu schützen gelte es nicht die Privatsphäre
im Web, sondern die freie Entscheidung der Internet-Nutzer darüber, was mit ihren Daten und persönlichen Dokumenten geschieht. Bei den Konferenzformaten ist Jarvis aus den USA mehr Abwechslung gewohnt: „Bei den ursprünglichen Bloggerkongressen gab es Bootcamps, Unconferencing oder Open Space, alle Zuhörer im Saal sind eine einzige große Diskussionsrunde. Das versuche ich auch in meinen Reden umzusetzen. Ich halte lieber die Diskussion in Gang als zu sagen: jetzt bist aber du dran, nicht du.“ Die für das Publikum auf eine Leinwand projizierte Twitterwall hält er für ein „großartiges Vergnügen, manchen jagt sie Angst ein, aber ich mag sie sehr.“ Jeff Jarvis pustet deutsche Bedenken weg wie Vulkanasche.

http://re-publica.de/10
www.friedrichstadtpalast.de
www.buzzmachine.com
www.netzpolitik.org


 



 

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