CIM: Was muss sich in der Arbeitswelt ändern, damit psychische Erkrankungen und Burn-out zumindest zurückgehen?
Dr. Wolfgang Hien: Es müssen menschlichere Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Müssen Menschen wirklich 100 oder 200 km zur Arbeit pendeln? Die Arbeitskultur ist eine ebenso wichtige Frage. Wie ist das Verhältnis der Vorgesetzten zu ihren Angestellten? Müssen wir nicht die Autonomie des Einzelnen im ernst gemeinten Sinne stärken, damit jeder sein inneres Maß besser erkennen kann und sich eben nicht selbst überfordert? Das ist meiner Ansicht nach eine der größten Gefährdungen, die wir heute haben. Menschen können sich aufgrund der großen, oft durch das Marktgeschehen ausgelösten Hektik nicht mehr zurückbesinnen auf ihr eigenes inneres Maß und überschreiten dieses dauernd.
CIM: Heißt Entschleunigung immer die Einstellung neuer Mitarbeiter?
Dr. Wolfgang Hien: Entschleunigung heißt für mich auch, dass man als Unternehmen die Ziele nicht zu hoch stecken darf. 25 Prozent Rendite, wie sie Herr Ackermann gerne möchte für seine Bank, halte ich für eine völlig überdrehte Zielorientierung. Das führt natürlich zu größerer Hektik, zu immer weniger Zeit.
CIM: Was können die Mitarbeiter beitragen zur Entschleunigung?
Dr. Wolfgang Hien: Arbeiter und Angestellte sollten sich nicht nur am 14. Monatsgehalt orientieren, wie das in einigen Berufsgruppen der Fall war, sondern auch mit 13 zufrieden sein. Auch als Einzelner kann ich so ein neues Verständnis schaffen von gutem und authentischem Leben, das nicht immer nur den Prinzipien „schneller“ und „mehr“ gehorcht.
CIM: Warum fühlen sich viele Angestellte nicht genug geschätzt?
Dr. Wolfgang Hien: Die Anerkennungskultur in den Betrieben und in der allgemeinen Öffentlichkeit muss sich umorientieren, so dass Menschen so, wie sie wirklich sind, wie sie authentisch sein können, anerkannt werden. Es geht eben nicht darum, nur Höchstleistungen anzuerkennen, und alle anderen sind Minderleister. Es geht vielmehr darum alle Menschen mit ihren besonderen, spezifischen Qualitäten anzuerkennen.
CIM: Eine Ihrer Forderungen ist Alltagsolidarität. Wie erreichen wir die?
Dr. Wolfgang Hien: Der Arbeitgeber muss seine Orientierung an Kontrolle und Entsolidarisierung aufgeben, muss Freiräume schaffen, in denen die Beschäftigten selbst – was dann schon deren Aufgabe ist – eine Alltagssolidarität aufbauen können. Da halte ich auch Öffentlichkeitsarbeit von Seiten der Gewerkschaften und Berufsverbände für wichtig.