CIM 2019/1 Destination

Land der sieben Elemente

Wasser, Luft, Erde, Feuer, Metall und Wissen sind in Schleswig-Holstein Basis einer konzertierten Kompetenzfeld-Strategie – bester Nährboden für Tagungen und Kongresse. Von Katrin Schmitt

Eventfläche mit Meerblick vor dem Congress Centrum Sylt. Photo: HOCH ZWEI AIR MANICS

In Bewegung. „Das ist wie eine Bewerbung für Olympische Spiele“, freut sich Philipp Murmann vom Forschungsforum Schleswig-Holstein. „Wir sind glücklich, dass wir nach Kiel 2011 jetzt 2022 wieder ausrichten dürfen.“ Er meint den Bundesentscheid von Jugend forscht, der vom 26. bis 29. Mai 2022 erstmals nach Lübeck kommt. Die 1.200 erwarteten Gäste werden die Hansestadt in MINT erstrahlen lassen. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz MINT – liegen Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau am Herzen. Der 38-Jährige, jüngste Träger der Amtskette, sieht im Entscheid ein „außergewöhnliches Ereignis“, das „bundesweite Strahlkraft“ entwickeln wird. Organisiert wird der Bundesentscheid Jugend forscht von Kathrin Ostertag, Projektleiterin der IHK Lübeck. Die Hotels sind gebucht, genauso wie die Gollan-Werft und die Musik- und Kongresshalle (MUK). In der MUK-Rotunde stellen 220 Jungwissenschaftler 120 Projekte vor, 80 ehemalige Sieger sind auch geladen.

Eike-Christian Fock, MICE-Manager bei Lübeck und Travemünde Marketing, berichtet: „Wir haben im Rahmen des Akademischen Abends kürzlich die ersten zwei Kongress-Ambassadore ernannt. Einer ist Jan Lindenau. Er ist sehr engagiert in der Veranstaltungsakquise“.

Mit dem „Element Wissen“ möchte der Bürgermeister die Weichen stellen, um die Schulden seiner Stadt abzutragen. Auch, indem er in Lübecks wichtigste Kompetenzen investiert. Dazu zählen Kongresse, wie jener der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde 2018 mit 2.500 Teilnehmern in der MUK.

Als eines der ältesten, dedizierten Kongresszentren Schleswig-Holsteins, feiert die MUK 25jähriges Bestehen im Oktober 2019. Dank umfangreicher Sanierung erstrahlt sie nach und nach in neuem Glanz. Nach Abschluss der zweiten Phase 2022 ist die MUK barrierefrei, mit nach wie vor starkem Fokus auf Nachhaltigkeit.
Befragt nach ihrem Lieblingsort, spricht MUK-Chefin Ilona Jarabek von weiteren Investitionen: „Ich bin gerne auf dem Dach der MUK, von dort hat man einen tollen Blick über die ganze Stadt. Ideal als Roof-Top-Bar – vielleicht werden Träume auch wahr …“

Visionen, die der Innovationskraft von Deutschlands nördlichstem Bundesland frischen Wind geben. Reinhard Meyer, damals Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie, hat 2014 die „Tourismusstrategie SH 2025“ initiiert. Sie sei nicht statisch zu verstehen, sondern als dynamischer Prozess. Diesen Schwung hat Dr. Bettina Bunge, seit 2017 Geschäftsführerin der Tourismus Agentur Schleswig-Holstein (TASH), in Kiel aufgenommen und umgesetzt: „Wir sind das Bundesland mit Kompetenz für erneuerbare Energien, Life Sciences, Ernährungswirtschaft, maritime sowie digitale Wirtschaft und Tourismus.“

Damit die Kompetenzfelder auch der Meetingbranche zugutekommen, hat die TASH-Chefin das SH-Convention Bureau (SHCB) gegründet: „Wir haben eine Anlaufstelle etabliert, die neutral und provisionsfrei berät. Eng eingebunden sind bereits etablierte lokale Convention Bureaus, wie lübecKongress, Sylt Marketing, Tourismus und Stadtmarketing Husum sowie das Convention Office Kieler Förde.“ Veit Schröder leitet das SHCB in Kiel.
Große Pläne hat Kiel. Die Ratsversammlung der Landeshauptstadt hat sich im Januar für ein Veranstaltungs- und Kongresszentrum auf dem Schlossareal ausgesprochen: „Die direkte Anbindung zum Konzertsaal kann hervorragend zum Konzept passen“, sagt Ratsmitglied Daniel Pollmann. „Die Verkehrsanbindungen sind ideal und es gibt genügend Parkraum. Zudem ist die Stadt Kiel seit Anfang des Jahres Eigentümerin des Ensembles. Das kann uns für zukünftige Planungen sehr entgegenkommen.“

Kiel ist bekannt für alles Maritime und Sitz des Instituts für Weltwirtschaft sowie des Instituts für Meereskunde der Christian-Albrechts-Universität, die auch Kongressfläche bietet. Ferner sind die Sparkassen-Arena-Kiel oder das Cruise Terminal Ostseekai bespielbar. Letzteres wird bis 31. März um ein weiteres Gebäude für neun Mio. Euro ergänzt. In der Hotellerie der 250.000-Einwohner-Stadt tut sich ebenfalls viel: Innerhalb von drei Jahren sollen 1.150 Zimmer hinzukommen.

Eine halbe Autostunde westlich, im bodenständigen Büdelsdorf, bietet Entwässerungsspezialist ACO 2.000 Gästen im eigenen Zentrum, inklusive der 120 Jahre alten Thormannhalle, Raum. Das Catering übernimmt das Restaurant Alte Meierei. Weitere spannende Funktionsflächen im SH-Binnenland sind Rendsburg mit seiner Messe und dem Agrarzentrum Grüner Camp, ebenso Neumünsters Holstenhallen, Heimat der Messe Nordbau.

Wind und E-Sports, Wasser und Nachhaltigkeit – in Husum ist die Bandbreite der Kompetenzfelder groß. Die 18.000-Einwohner-Stadt an der Nordseeküste ist zur Wiege der Windindustrie avanciert. Mit der 1989 gegründeten Messe Husum Wind ist sie zur Kongressstadt gewachsen. Eines der wichtigsten Projekte ist die erste Husum Coast & Prevention-Konferenz Ende Oktober 2019 in der Messe Husum & Congress. Den Küstenschutz hat das Team von Messechef Arne Petersen mit Blick auf den Klimawandel als wichtigen Innovationszweig identifiziert.

Ein Thema, das auch Sylt, SHs bekannteste Insel, direkt betrifft. Fünf Mio. Euro wurden dort 2018 in den Küstenschutz investiert. „Von den Nordseeinseln ist Sylt nicht nur die größte, sondern auch die am meisten gefährdete“, sagt der Sprecher des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz, Hendrik Brunckhorst. Es fehle eine Sandbank, wie vor Amrum. Was der Insel nicht fehlt, ist ein Kongresszentrum. Das ist gut gebucht. Westerlands einstiges Kurhaus bietet 800 Plätze im Plenum und ist bei Ärzten beliebt: Seit über 60 Jahren richtet die Zahnärztekammer SH ihren Fortbildungskongress dort im Juni aus. Die Internationale Sylter Woche der Anästhesie im September zieht rund 900 Delegierte ins Zentrum an der Promenade.

Am stärksten gewachsen ist der jährliche Palliativkongress  mit fast 700 Gästen im März. „Beim Enthusiasmus der Teilnehmer für ihr Thema geht mir das Herz auf“, schwärmt Angelika Haarz aus der Veranstaltungsabteilung des Insel Sylt Tourismus-Services. „Es sind so innovative Menschen genauso, wie der Veranstalter.“ Da zieht das Congress Centrum Sylt mit: „Wir investieren viel in die Technik. Wir warten nicht, bis ein Kunde etwas fordert. So wird niemand enttäuscht“. Womit Haarz das siebte SH-Element definiert hat: Viel Liebe (zum Detail).