CIM 2019/1 Fokus

Advocacy erfordert strategisches Denken

// Christian Boergen

Rosa Armesto ist Stellvertretende Generaldirektorin der Federation of European Securities Exchanges (FESE). Sie verantwortet das Koordinieren von Kampagnen zur Regulierungspolitik und stärkt die Öffentlichkeitsarbeit der FESE zu Schlüsselthemen und Prioritäten. Zuvor war sie Vorstandsmitglied von Insurance Europe für die Interessen­vertretung, Leiterin Regulierungs­angelegenheiten der FESE und bei Eurostat in Luxemburg. Seit 2007 arbeitet die Spanierin mit Master in Wirtschaftswissenschaften der Universität Groningen und Bachelor in Statistik der Universität Saragossa in Brüssel. Photo: FESE/David Plas

Rosa Armesto, Vize-Generaldirektorin der Federation of European Securities Exchanges (FESE), erklärt, wie die Politik auf demokratische Weise beeinflusst werden kann.

CIM:  Wie viel Advocacy gehört zu Ihrer Aufgabe als Stellvertretende Generaldirektorin der FESE in Brüssel?
Rosa Armesto: Die Federation of European Securities Exchanges ist ein europäischer Branchenverband, der Betreiber von europäischen Wertpapierbörsen und anderen Marktsegmenten wie Aktien-, Finanzderivate-, Energie- und Rohstoffbörsen vertritt. Mit 19 Vollmitgliedern repräsentiert die FESE rund 36 Börsen aus 30 verschiedenen Ländern innerhalb der EU sowie in Island, Norwegen und der Schweiz.
Als Vize-Generaldirektorin koordiniere ich Kampagnen zur Regulierungspolitik und fördere die Öffentlichkeitsarbeit der FESE zu den Schlüsselthemen und Prioritäten. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die Rolle der Börsen in der Realwirtschaft zu stärken. Dazu trage ich im Dialog mit europäischen Gesetzgebern und Regulierungsbehörden zum Umsetzen der besten Politik- und Praxismaßnahmen bei. Ich kümmere mich um alle Anliegen der FESE und bestimme die Strategie und Richtung – ein großer Teil davon ist also Advocacy.

Wie kann Lobbying zu Advocacy fortent­wickelt werden? Was macht den Unterschied aus?
Lobbyarbeit und Advocacy ergänzen einander. – Beide zielen auf die Interessenvertretung einer Gruppe. Advocacy ist öffentlich ausgerichtet, während Lobbyarbeit stärker zielgerichtet und bilateral verläuft. Advocacy ist allgemeiner, bedeutet für ein Thema sensibilisieren, das Aufmerksamkeit verdient. Lobbyarbeit ist hingegen spezifischer, auf bestimmte Bedürfnisse zugeschnitten: Man spricht mit einem politischen Entscheidungsträger über ein spezielles Anliegen im Zusammenhang mit einer Gesetzgebung.

Wo liegen die Chancen moderner Advocacy, was ist Voraussetzung für ihren Erfolg
Wir leben in einem digitalen und vernetzten Zeitalter sowie in einem immer transparenteren System. Das Europäische Parlament und die Europäische Kommission verfügen mittlerweile über ein Transparenzregister, das die meisten Lobbyisten beachteten. Advocacy erfordert strategisches Denken, fachliches Verständnis der Anliegen, politisches Wissen, Koordination, gute Kommunikationsfähigkeiten und eine angemessene Ansprache. Belegbare Fakten sind nötig, um erfolgreich zu sein.

Können Sie bewährte Verfahren nennen?
Fundierte Fachkenntnisse und nachweis­bare Daten sind sehr wichtig. Geschwindigkeit ist entscheidend, um die politische Agenda zu gestalten und treffsicher zu informieren. Die meisten Vorschläge erfolgen im Rahmen öffentlicher Konsultationen. Um Ergebnisse zu erzielen, sollten politische Ziele und Bedürfnisse bekannt sein. Um als zuverlässiger und vertrauenswürdiger Partner akzeptiert zu werden, ist es ratsam, stets aufrichtig zu bleiben.

Was ist gutes Storytelling in den digitalen Medien und anderen Advocacy-Kanälen? Welche Fehler sollten vermieden werden?
Es ist wichtig, Themen gut verständlich, gestützt auf Fakten zu präsentieren. Auch das Timing und die Wahl der richtigen Kanäle sind entscheidend. Beides muss politisch sein, da politische Entscheidungsträger meist mit mehreren Arbeitsabläufen innerhalb eines engen Zeitrahmens gleichzeitig befasst sind. Belegbare Fakten erleichtern diese Arbeit. Vage, ungenaue Angaben oder gar aggressives Verhalten gilt es zu vermeiden.

Was ist das Geheimnis der Targeting-Strategie für Advocacy?
Die Zielgruppenansprache ist der Schlüssel zur Effektivität. Tritt ein Problem auf, sollten die richtigen Adressaten (Öffentlichkeit, Gesetzgeber, Aufsichtsbehörden, auf EU- und nationaler Ebene ... ) bestimmt und Informationen diesen anpasst werden. Wenn wir auf ein allgemeines Problem aufmerksam machen wollen, sollten wir dafür zugängliche Wege nutzen. Handelt es sich um ein fachliches Anliegen, sollten wir stärker auf Daten und fundierte Informationen setzen.

Was macht eine gute Datenbank im Blick auf die EU-Datenschutzverordnung (DSGVO) aus?
Die DSGVO gestattet rechtlich zulässige Aktivitäten. Nach meiner Erfahrung beruht eine gute Datenbank auf Kontakten. Die DSGVO erfordert ein Zustimmen zum Speichern in Datenbanken. Das führt zu Mehrarbeit im Blick auf eine valide Datenbasis.

Sie nehmen regelmäßig an Tagungen und Konferenzen teil. Welchen Eindruck haben Sie von der Advocacy der Meeting-Branche?
Wir leben in einem digitalen Zeitalter, wo Informationen online verbreitet werden. Branchentreffen können die Vorteile des Networkings verstärken. Das ist ein Muss für Advocacy und Lobbyarbeit sowie das Abstimmen von Positionen. Konferenzen zu bestimmten Themen tragen zum Informationsaustausch bei und bringen Menschen zusammen. In Brüssel gibt es viele solcher Aktivitäten mit im Großen und Ganzen sehr professioneller Dynamik. Aus meiner Sicht entspricht das den Anforderungen von Advocacy.

Welche Möglichkeiten bietet Advocacy der Meeting-Branche? Was empfehlen Sie?
Advocacy schließt die Lücke zwischen wirtschaftlichen Realitäten und politischen Entscheidungen. Die EU und nationale Verbände sind dafür die wirksamsten Kanäle. Wirtschaft und Bürgern sowie der Meeting-Branche empfehle ich, Flagge zu zeigen und die von der EU-Kommission zugelassenen Kanäle zu nutzen.

Vielen Dank, Frau Armesto!