CIM 2018/4 Fokus

Die Macht der Formeln

Algorithmen beeinflussen Meinungen und (Management-)Entscheidungen, Leben und Arbeiten. Mathematik, die (mit-)beschließt, in welche Richtung der Mensch geht und – wen er trifft.

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Wegweisend. Microsoft Deutschland erweitert 2018 seine Event-App mit einer optimierten Matching-Funktion, gesteuert von Finanzalgorithmen. Das Team von Experiential Marketing Lead Margit Zöller will so den Konferenzgästen der #Impulse18 und #DPK18 im Oktober in der Leipziger Messe „eine neue Qualität des Netzwerkens bieten“, sagt Zöller: „Der Besuch soll sich noch mehr lohnen“ (siehe Interview S. 24).

XING Events aus München bietet seit neustem mit FastLane den EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)-konformen Einlass via Gesichtserkennung an. 400 Gäste können innerhalb einer Stunde vor Ort registriert werden aufgrund ihrer Gesichtsbiometrie und der nun aktiven Live-Schnittstelle zwischen den Datenbanken beider Firmen. Nur zwei Einsatzmöglichkeiten von Algorithmen, die jedoch großen Einfluss auf Planer, Anbieter und Gäste haben.

Dabei sind Algorithmen im Grunde nur eine Folge von Handlungsanweisungen zum Lösen mehr oder weniger komplexer Probleme. Ihre Mathematik macht sie zu wichtigen Instrumenten für Entwickler. Mit ihnen können komplizierte Entscheidungsprozesse automatisiert, Prognosen getroffen oder Bewerber ausgewählt werden. Zudem sind sie Bausteine des maschinellen Lernens und der künstlichen Intelligenz (KI). Voraussetzung für die Datenanalyse (Data Mining) ist der Zugriff auf eine große Menge Daten (Big Data).

Ihr Einsatz ist, dank Google, Facebook und Co., bereits heute wirksam und polarisierend. Diverse Institutionen, Organisationen, Firmen und Veranstaltungen diskutieren das wirtschaftliche und gesellschaftliche Pro und Kontra. Der Disput hat immense ethische Dimensionen. Die Angst vor „der Macht der KI“ und die Sorge um Privatsphäre und Beeinflussung wabern darin – und dies nicht erst seit dem Inkrafttreten der DSGVO. Die einen rufen ängstlich „Filterblase!“, „Singularität!“ oder „Manipulation!“, die anderen erfreut „Personalisierung!“, „Effizienz!“ oder „Sicherheit!“.

Um dieser Unsicherheit zu begegnen, hat der Verband Bitkom den Leitfaden „Empfehlungen für den verantwortlichen Einsatz von KI und automatisierten Entscheidungen“ veröffentlicht. Auf Konferenzen wie Re:publica Berlin, Techfest Kopenhagen oder Strata Data New York wird intensiv diskutiert, wie die Verantwortung für die geschaffene Welt übernommen werden sowie ein sinnvoller Bezug zwischen Formel und Mensch gestaltet werden kann. Das Techfest-Manifest „The Copenhagen Letter“ richtet sich mit seinem Appell „an alle, die Technologie heute gestalten“.

Die EU arbeitet mit Hochdruck am digitalen Binnenmarkt, konkrete Schritte sind etwa der freie Datenfluss oder das Vereinfachen der Mehrwertsteuer-Vorschriften. Fast neun Milliarden Euro sind für das „Digital Europe Programme“ geplant, um „Cybersicherheit und Vertrauen“, Hochleistungs-Computing, KI, digitales Know-how und das Anwenden digitaler Technik zu fördern. Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, appelliert beim Bruegel Annual Meeting 2018: „Unser Fokus sollte nicht der Technologie, sondern den Menschen gelten. Entweder gestalten wir digitale Ökosysteme mit den Menschen und ihren Werten im Mittelpunkt oder wir werden scheitern.“

Gefordert sind neben den Entwicklern auch diejenigen, die mit der Regulierung betraut sind. „Wir haben festgestellt, dass das traditionelle, reaktive Regulieren zu langsam ist, um mit dem rasanten Wandel, der für unsere heutige Wirtschaft charakteristisch ist, Schritt zu halten. Das betrifft diverse Bereiche wie (Car)Sharing, Crowdfunding, Datenschutz oder problematische Algorithmen“, schreibt Mike Turley, Global Public Sector Leader und Partner bei Deloitte, in seinem LinkedIN-Beitrag „The connected Regulator“. Turley setzt auf ein dynamisches Netzwerk engagierter, vernetzter Bürger. Diese wären in der Lage, Behörden so früh zu warnen, dass diese Richtlinien vorziehen könnten, um zu agieren, nicht zu reagieren.

Dafür müsste das Gros der Europäer jedoch erst einmal verstehen, was „Sharing“, „Crowdfunding“, „Datenschutz“ und „problematische Algorithmen“ sind. Gerade letztere sind vielen Deutschen unklar. Dies belegt die repräsentative Studie „Was Deutschland über Algorithmen weiß und denkt“ der Bertelsmann-Stiftung 2018. Sie ist Teil des Projekts „Ethik der Algorithmen“, das sich mit gesellschaftlichen Wirkungen algorithmischer Entscheidungssysteme beschäftigt. Demnach wissen nur 10 Prozent gut Bescheid über deren Funktion, 45 Prozent fällt dazu nichts ein. 46 Prozent sind bezüglich Chancen und Risiken unentschieden; eine große Mehrheit (79 Prozent) zieht menschliche Entscheidungen den automatisierten vor. Im Kontrast dazu wird aktuell diskutiert, inwiefern eine algorithmenbasierte Risikobewertung die Loveparade-Katastrophe 2010 mit 21 Toten hätte verhindern können: entweder im Vorfeld, wegen der ungeeigneten Location oder in Echtzeit mit analysierter Video- bzw. Sensorüberwachung.

Das Potenzial der KI für die Meeting-Branche ist so essenziell und vielfältig, das allseitige Berührungsängste ab- und neue Fähigkeiten aufgebaut werden müssen. Mitte September veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum seine Studie „The Future of Jobs“: Werden heute noch 71 Prozent der Arbeitsstunden von Menschen geleistet, wird bis 2025 eine Halbierung (um 48 Prozent) prognostiziert. Den Großteil erledigen dann Maschinen und Algorithmen. Es ist Zeit, Know-how aufzubauen, die Zukunft ist jetzt. Nur so können alle Beteiligten fundierte Einschätzungen treffen, etwa zu den diversen – erforderlichen und möglichen – KI-Anwendungen. Darunter sind: Sicherheit per Echtzeit-Crowd-Management, Installieren von Event-Concierge und Sprachassistent, Kommunizieren automatisierter, personalisierter (Marketing-)Inhalte, Identifizieren und Ansprechen möglicher Mitarbeiter und Event-Gäste, oder das Einsetzen selbstfahrender Shuttle-Busse.

Spezifische Weiterbildung zu Algorithmen und Co. sowie deren Einsatz in der Meetingbranche bieten Workshops wie „The Rise of The Machines“ mittwochs im Knowledge Theatre der IBTM World oder vertieft: mit dem DES – Digital Event Strategist, einem Zertifikat des PCMA Digital Experience Institutes.

Ferner kommen auch die beiden Konferenzen des IT-Konzerns Microsoft in Frage – beide mit „New Intelligence“-Fokus. „Genau darum machen wir immer noch Veranstaltungen: Wir glauben, dass Technik uns mehr Raum ermöglicht für die vielen wichtigen Dinge im Leben“, hebt Zöller hervor. „Aber wir glauben auch, dass kein Tool je so gut sein wird wie ein Vier-Augen-Gespräch bei einer Tasse Kaffee.“ Geplant mit dem bestmöglichen Match, zum optimalen Zeitpunkt am perfekten Ort zum relevanten, nützlichsten Thema, mit richtig gutem, von Hand gebrühten Kaffee.