CIM 2019/4 Fokus

DIE MACHT DER GEFÜHLE

// Katharina Brauer

Emotion ist eine wichtige Ressource des Kongressgeschehens. Sinneseindrücke unter­stützen den Wissenstransfer und sorgen für eine intensivere Einbindung der Teilnehmer.

Der ESC Kongress setzt auf Emotionen – siehe Interview Seite 20. Photo: ESC

Live-OPs erzeugen Disruption und kollegialen Austausch. Photo: CIM

Lichtdesign mobilisiert die Sinne. Photo: LINC

Ronald Kötteritzsch, Direktor Marketing und Verkauf, CCL Leipzig. Photo: Leipziger Messe GmbH/CCL

Neuer Fokus. „Rein rationales Denken war gestern, die Ära der Emotionen bricht an“, lässt das ZukunftsInstitut uns in seinem Newsletter vom Juli 2019 wissen.

Warum wir in einer zunehmend rationalisierten und digitalisierten Welt Gefühle neu entdecken, erläutert der Trendforscher Harry Gatterer. In Zeiten der digitalen Allround-Emotionalisierung habe sich das Verständnis von Authentizität gewandelt. Souveräne Nutzer (und Teilnehmer) seien emanzipiert und orientierten sich an selbstbestimmten Werten und eigenen Erfahrungen. „Wer seine Werte sicher vertreten weiß, vertraut – und wer vertraut, der bindet sich gern und freiwillig“, weiß der Geschäftsführer des ZukunftsInstituts.

Feste Bindungen an ihren Kongress zu schaffen ist das große Anliegen von Veranstaltern. Ablenkung lauert überall, zumal in den attraktiven Austragungsorten. Dass zudem „der Kongress der Zukunft an Informations-Relevanz“ verliert, gilt für den PCO MCI Group heute als gesichert.

Die „neue Wissenschaft der Kunden-Emotionen“ war deshalb eines der Themen, das Idoia Rodés, Präsidentin von MCI BeNeLux, und Alessandro Cortese, European Society for Radiotherapy and Oncology (Estro), auf der AIPC-Jahreskonferenz in Antwerpen erörterten. Erfahrung sei essenziell – vor, bei und nach dem Kongress, so ihr Befund. Der Inhalt sei nur ein Aspekt für die Wertigkeit medizinischer Kongresse. Gleichermaßen gehe es um Networking, um professionelle und akademische Befähigung und um Zugang zu den Stakeholdern.

„Emotionen sollten grundsätzlich ein Element medizinischer Kongresse und Fortbildungen sein: nur über Emotionen wird Gehörtes und Gelerntes nachhaltig verinnerlicht, indem etwa das einzelne Patientenschicksal hinter Zahlen und Fakten aufleuchtet“, weiß Dr. Christina Buttler. Die Direktorin Strategy & Innovation MCI Germany verweist auf Treffen von Studiengruppen, bei denen das Engagement und Interesse so groß seien, dass die Zeit vergessen und über das Programm hinaus gearbeitet werde.

„Eine Ausprägung von Emotion, die bisher noch oft zu kurz kommt, ist Disruption. Auch sie unterstützt Merkfähigkeit und Wissensverarbeitung“, weiß die Expertin. Congresscamps seien eine ideale Option für Sessions ohne Agenda und ohne Wissensvermittlung nach Einbahnstraßenprinzip. „Stattdessen bringen alle Teilnehmer auf Augenhöhe ihre Expertise als Wissenschaftler und Praktiker ein und gestalten gemeinsam neues Wissen.“

Disruption im Sinne von Überraschung ist eine der sechs Basis-Emotionen, welche die Psychologie neben Freude, Wut, Trauer, Ekel und Angst unterscheidet. Das Repertoire dieser Gefühle zu stimulieren ist seit je das Anliegen der Künste – und das der Live-Kommunikation. Emotionale Inszenierungen sind ein hocheffizientes Mittel, um Marken-Botschaften fest im Bewusstsein zu verankern. Emotionen sind ein Impuls für hohe Aufmerksamkeit. Genau deshalb sind sie ideal platziert bei Kongressen.

Wie einzelne Sinneseindrücke im Verlauf von Veranstaltungen mobilisiert werden können, beschäftigt etwa Steffen Ronft. Der stellvertretende Leiter des Zentrums für empirische und experimentelle Betriebswirtschaftslehre der Dualen Hochschule Mannheim (DHBW) ist überzeugt, dass sinnliche Erlebnisse eine inhaltliche Botschaft länger im Gedächtnis konservieren. Wichtig sei, die Inhalte an die fünf Sinne so zu adressieren, dass alle Sinneseindrücke deckungsgleich oder „kongruent“ sind.

Dass die Erkenntnisse des Experten für Eventpsychologie stimmig sind, bestätigt Ronald Kötteritzsch. „Kongruenz ist wichtig für gelungene Kongresse. Alles muss zusammenpassen. Das hat eine starke emotionale Wirkung“, sagt der Direktor für Marketing und Verkauf im Congress Center Leipzig (CCL). Optimal umgesetzt wird dies bei dem seit 2005 jedes Jahr im CCL stattfindenden Gefäßmedizinkongress LINC, der 2019 von 5.000 Teilnehmern aus 80 Ländern besucht wurde. „Sinnliche Erfahrungen spielen bei der Gestaltung des LINC eine große Rolle. Der Einsatz von Form und Farbe und von Licht­design gibt jedem Raum einen eigenständigen ästhetischen Wert“, so Kötteritzsch.

Mit der Möglichkeit, nicht nur während der Mahlzeiten und Pausen, sondern ständig und überall zwanglos kommunizieren zu können, ist der LINC auch eine innovative Plattform der Begegnungskultur. Begegnungen sind von Gefühlen begleitet, so dass auch hier die Emotion eine wichtige Ressource ist. „Der Körper ist die wichtigste Bühne des Gefühls“, sagt der portugiesische Neurowissenschaftler Antonio Damásio, Autor der Buches „Am Anfang war das Gefühl“.

Wer heute wissen will, wie groß das emotionale Engagement der Teilnehmer ist, achtet vor allem auf das Gesicht. Die Methoden zur Messung der aktuellen menschlichen Gefühlslagen, die an den 44 die Mimik regulierenden Gesichtsmuskeln ablesbar sind, werden in rasantem Tempo weiterentwickelt.

Zenus Biometrics aus Houston, USA, ermöglicht mit seinem „Face Analytics Sensor“ ein Ermitteln der Stimmungslage bei Delegierten. Anders als die bei Einlasskontrollen erprobte Gesichtserkennungssoftware identifiziert sie nicht einzelne Teilnehmer, sondern greift mit ihrer Kamera flächendeckend ganze Gruppen von Gesichtern ab. Datenschutztechnisch somit unbedenklich, liefert sie wichtige Erkenntnisse für künftige Kongressgestaltung.