CIM 2018/5 Fokus

Experimentierfeld neuer Ideen

Andreas Horbelt, Kreativdirektor der Agentur facts and fiction, zum Konzept des temporär erbauten Deutschen Pavillons auf der EXPO 2020 in Dubai.

Andreas Horbelt, Kreativdirektor bei facts and fiction, realisiert für die Koelnmesse den Deutschen Pavillon der EXPO 2020 in Dubai.

Der Deutsche Pavillon ist sechs Monate rückbaubar. Photo: Koelnmesse.

CIM: Sie realisieren den Deutschen Pavillon der EXPO 2020 in Dubai. Hat es Vorteile, einen temporären Bau zu bespielen? Andreas Horbelt: Temporäre Bauten machen Ort und Zeit zu etwas Besonderem, Außergewöhnlichem, weil sie nur für eine begrenzte Dauer existieren. Sie sind ein Experimentierfeld für neue Ideen. Große Events wie eine EXPO binden Besucher über ein gemeinsames Interesse. Das temporäre räumliche Konzept wird in den inhaltlichen Kontext eingebettet. Die Besucher erleben ein einzigartiges Ereignis, im Falle des EXPO-Pavillons auch partizipierend. Die partnerschaftliche Kooperation mit dem Architektenteam von LAVA (Laboratory for Visionary Architecture) ließ ein Gebäude entstehen, bei dem Architektur und Ausstellung einander perfekt unterstützen.

Was sind die Herausforderungen einer temporären Location?
Einerseits möglichst nachhaltig zu bauen und den Besuchern andererseits ein emotionales Erlebnis zu ermöglichen, um sie von der Bedeutung der Nachhaltigkeit zu überzeugen, ist ein Spagat. Wir mussten abwägen: Stimmt das Verhältnis von eingesetzten Ressourcen und szenografischem Outcome? Die Rahmenbedingungen erfordern es, Vorgaben des Deutschen und Dubaianischen Baurechts einzuhalten. Schwierig ist, ein nur auf sechs Monate ausgelegtes Gebäude zu realisieren.

Wie setzen Sie das Thema Nachhaltigkeit genau um?
Deutschland nimmt eine internationale Spitzenposition ein: Hier entstand der Begriff Nachhaltigkeit, hatte die Energiewende ihren Ursprung. Wissenschaft, Wirtschaft und weite Teile der Zivilgesellschaft engagieren sich für eine nachhaltige Zukunft. Dieses Selbstverständnis soll der Titel des Deutschen Pavillons der EXPO 2020 kommunizieren: „Campus Germany“. Campus Germany ist ein gebautes Plädoyer für Nachhaltigkeit und Multilateralität. Es zeigt, dass es Lösungen für die globalen Herausforderungen gibt, wenn alle zusammenarbeiten. Die Präsentation folgt dem Prinzip des Edutainments, da viele Besucher keine Fachleute sind. Sie sollen Spaß haben und dabei etwas lernen. Die finale Show ruft emotional dazu auf, gemeinsam nachhaltiger zu agieren.

Was bedeutet die Charakterisierung „vertikaler Campus“?
Wir haben uns früh auf die Leitmetapher Campus Germany geeinigt und überlegt, was das für die Ausstellung heißt. LAVA hatte die Idee des vertikalen Campus. Ein Campus funktioniert als Ensemble von Gebäuden innerhalb einer gemeinsamen Struktur, einem Park. Da weder Grundstücksgröße noch das Klima passten, entstand die Idee der Stapelung: Ein Ensemble aus Kuben, die in Größe, Ausgestaltung und Position den funktionalen Anforderungen der Ausstellung, der Statik und Klimakontrolle folgen, wird gefasst von einer abstrakten, postparametrischen Struktur, die aus der Vielheit eine Einheit macht. Ein überraschender Freiraum im Gebäudezentrum, sehr offen, transparent und grün, erinnert an eine Parklandschaft und macht die Lebensqualität eines europäischen Campus erlebbar.

Ist der Bau nachhaltig? Gibt es ein Nachnutzungs- und Rückbau-Konzept?
Die Architektur folgt der deutschen Tradition des Leichtbaus und schafft aus wenigen Ressourcen ein großes bauliches Volumen. Für Teile des Gebäudes – vor allem für das Dach – ist eine Nachnutzung geplant.

Bei anderen Teilen achten wir auf nachhaltige Materialien. Das gemeinsam mit Transsolar erarbeitete Klimakonzept reagiert flexibel auf das lokale Klima: In den kühleren Monaten nutzen wir Kamineffekte zur Kühlung, in den warmen Monaten kann das Gebäude geschlossen und traditionell gekühlt werden, eine Hybridlösung. Ob eine Solaranlage bei nur sechsmonatiger Nutzungsdauer eine nachhaltige Installation ist, berechnen derzeit Experten. Keine Solaranlage zu installieren, könnte nachhaltiger sein.

Die EXPO 2020 will ein „Legacy“, ein Vermächtnis, hinterlassen. Was ist die Mission des Deutschen Pavillons?
Das Gebäude selbst wird nicht das Vermächtnis sein, dagegen sprechen die Vorgaben des EXPO-Veranstalters: Nach der sechsmonatigen EXPO2020 müssen wir das Grundstück leer und unbebaut zurückgeben. Dass unser Pavillon und seine Botschaften den Besuchern in Erinnerung bleiben, dass sie optimistisch die Herausforderungen der Zukunft angehen und vielleicht ihre Haltung ändern, das wäre ein Vermächtnis, auf das ich sehr stolz wäre.

Wie sind Ihre Erfahrungen generell mit temporären Bauten?
Wir haben viele temporäre Bauten unterschiedlicher Größe und Komplexität realisiert, etwa den Pavillon für Monaco auf der EXPO Mailand 2015. Ein ganz anderer temporärer Bau war das größte Eishaus Europas für die ING-DiBa, konzipiert als Roadshow durch sechs deutsche Städte. Der Rückbau war einfach. Wer sich seine eigene, wenn auch vergängliche Hülle schafft, hat die Chance, ein ikonografisches Zeichen zu entwickeln, ein großes Bild, das in Erinnerung bleibt.

Vielen Dank für das Interview, Herr Horbelt!