CIM 2018/5 Fokus

Finale Renaturierung

// Katharina Brauer

Effiziente Begegnungen schaffen ohne Spuren zu hinterlassen gelingt mithilfe temporärer Locations und Formate. Aus der (Platz-)Not wird hier eine Tugend.

Ohne temporäre Zeltstadt nicht möglich: UN-Klimagipfel 2017. Photo: Vagedes & Schmid

Temporäre Halle mit Genehmigung zur Langzeitnutzung. Photo: h.u.t. Solutions

Meeting mit 18 Standorten in aller Welt gleichzeitig. Photo: Abbit.eu

Temporärer Hingucker: Amazon Cloud. Photo: no problaim

Bei Bedarf. „Die Nachfrage nach Lösungen, die nach Gebrauch zusammengeklappt und wieder weggestellt werden können, wird mit Sicherheit steigen“, ist Ilona Jarabek überzeugt. Die Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle (MuK) Lübeck nutzte als Gastgeberin der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopfund Halschirurgie im Mai 2018 ein Zelt in Ergänzung zu den stationären Räumlichkeiten vor Ort. Für den insgesamt 2.500 Teilnehmer starken Kongress bot das Zelt Ausstellungsfläche und Meeting-Bereich in Breakout-Räumen für 200 Delegierte. „Das Set-up hat perfekt funktioniert. Kunden haben zunächst allerdings natürlich den Wunsch, die Veranstaltung komplett in einem Haus unterzubringen“, weiß Jarabek.

Oft zwingen sehr hohe Teilnehmerzahlen Veranstalter, Zelte zu nutzen. Die UN Weltklimakonferenz COP 23, die vom 6. bis 17. November 2017 mit 25.000 Teilnehmern in Bonn stattfand, war ohne temporäre Raumlösungen nicht realisierbar. Die Röder Gruppe installierte im Auftrag der Agentur Vagedes & Schmid eine Zeltlandschaft mit einer Grundfläche von 55.000 qm. Innerhalb von zwölf Wochen errichtete das Unternehmen eine Stadt aus temporären Hallen, die ressourcenschonend und klimafreundlich funktionierte und komplett rückgebaut wurde.

„Wir hatten nur drei Monate Zeit, um die temporäre Konferenz-Stadt zu errichten. Nur durch enge Zusammenarbeit und Raum für viel persönlichen Austausch kann man so ein Projekt wuppen“, resümiert Michael Vagedes. Durch Einsatz des Prozess-Management-Audits EMAS (Eco Management and Audit Scheme) wurde eine klimaneutrale Durchführung der Veranstaltung, inklusive der finalen Renaturierung des Geländes, gewährleistet. Im Zeitalter virtueller Meetings hat sich der immense Aufwand für Michael Vagedes gelohnt: „Verbindliche Verhandlungen sind nur nachhaltig, wenn tatsächliche Begegnung möglich ist und sich die Teilnehmer in die Augen sehen“, weiß der Experte.

„Die Nachfrage nach temporären Locations ist klar steigend, in allen Bereichen. Technisch ist heute alles möglich. Man kann temporäre Bauten statisch so konzipieren, dass sie den Bestimmungen fester Bauten entsprechen und so gleichwertig sind“, erläutert Michael Glaser. Der Geschäftsführer der Firma h.u.t. Solutions beobachtet eine hohe Akzeptanz bei seinen Kunden, für die er bereits Konferenzsäle mit 2.000 Plätzen errichtet hat.

„Da die genehmigende Baubehörde nun einen Spielraum für den Zeitraum der Genehmigung hat, kann die Nutzungsdauer temporärer Bauten bis hin zu zehn Jahren verlängert werden. Technisch ist das heute kein Problem“, weiß Glaser. Voraussetzung der Nutzung ist natürlich eine Gewährleistung von Fluchtwegen sowie Lärm- und Brandschutz. Die Interims-Kantine für 1.500 Mitarbeiter eines Hamburger Konzerns und eine Eissporthalle sind derzeit längerfristig genutzte temporäre Locations von h.u.t. Solutions.

Eine spezielle Form der mobilen Locations sind aufblasbare Zelte, die durch individuelle Form- und Farbgebung ideale Mittel zur Marken-Inszenierungen sind. Der österreichische Hersteller no problaim gestaltete ein aufblasbares Zelt in Form einer Wolke, die auf der CeBit 2016 für die Amazon-Cloud warb. „Inflatables“ sind heute im Szenario von Messen und Meetings nicht mehr wegzudenken. Neben ihrem Hingucker-Effekt fungieren sie oft auch als lärmgeschützter Raum für Fortbildungsseminare während des laufenden Messebetriebs.

Ein temporärer Raum, ermöglicht durch aufblasbare Wände, bot Maarten Vanneste, CEO Meeting Design Institute, während der Meetings Show 2018 in London den geschützten Rahmen für seine Veranstaltungen. Temporäre Szenarien für Meetings befürwortet der Verfechter der „Multi-Hub-Spaces“ ganz entschieden: „Multi-Hub Meetings sind temporäre Set-ups, die einen temporären Tagungsraum für eine zerstreute Gruppe kreieren. Ein Multi-Hub Meeting mit 300 Teilnehmern etwa findet in sechs Räumen mit je 20 bis 80 Gästen statt. Jeder Raum ist in einem von sechs Hotels in einem von sechs Ländern. Die sechs Gruppen verbindet ein einheitliches Audio- und Video-System, sodass sich alle sehen und hören können“, erläutert Vanneste das Konzept.

Das eine Meeting mit sechs regionalen Break-outs regelt ein Multi-Hub Skript, das allen Gruppen ermöglicht, sich in Q & A-Runden einzubringen. „Wenn das Meeting vorbei ist, verschwindet der gemeinsame Tagungsraum komplett“, so Vanneste. Nur die sechs Tagungsräume bleiben, ohne Spuren davon, Teil eines größeren Meetings gewesen zu sein.Auch mit der Empfehlung „Move that chair“ regt der Experte an, mit Raum-Setups zu experimentieren und die Teilnehmer verschiedene Stuhl-Arrangements ausprobieren zu lassen und sie so zu einem dynamischen Meta-Lern-Prozess zu animieren.

Für Kreativität bieten temporäre Strukturen einen idealen Nährboden. Roh und unfertig, sind sie individuell anpassbar und werden so zu Impulsgebern für innovative Lösungen. Dies zumindest ist das Argument für die „Temporären Räume“, die die Hamburg Kreativ Gesellschaft bietet. Hohe Flexibilität und Inspiration offerieren auch die Design Offices (DO), die mit flexiblen Raumkonzepten Impulsgeber für künftige Arbeitswelten sind und 2018 eine IMEX Wildcard gewannen.