CIM 2019/1 Fokus

Keine Einbahnstrasse

Advocacy soll die „Partnerschafts-Kluft“ überwinden. Dafür braucht es klare Ziele, gutes Storytelling und Koalitionen mit anderen Branchen. – Die Meeting-Branche hat Potenzial.

Das IMEX Policy Forum soll Politik gestalten, die Städten zugutekommt.

Natasha Richards, IMEX Group Advocacy & Industry Relations

Das IMEX Policy Forum soll Politik gestalten, die Städten zugutekommt.

Ludovic Cartigny ist Senior Manager für EU-Transporte & Regulierungsangelegenheiten im Pariser Logos-MCI-Büro.

Verständnis. Ludovic Cartigny, der als Senior Manager im Pariser Logos-MCI-Büro für die IAPCO antwortet, verwirrt zunächst. Dennoch weist er den Weg: „Advocacy geht auch ohne Lobbyarbeit, das Gegenteil jedoch nicht. Lobbyarbeit ohne etwas zu haben, für das man sich einsetzt, funktioniert nicht. Lobbying kann auch Teil einer breiteren Advocacy-Strategie sein, die soziale Medien, Medienkampagnen und Veranstaltungen umfasst.“ Hingegen grenzt IMEX-Managerin Natasha Richards Advocacy von der Lobbyarbeit ab: Letztere werde oft mit finanziellem Druck von Interessengruppen gleichgesetzt. Für die IMEX Group gehe es bei Advocacy um gegenseitiges Verständnis und Information: „Das ist keine Einbahnstraße, sondern baut auf Neugier, Vertrauen und gegenseitigen Nutzen, allerdings nicht um jeden Preis.“ Als Beispiel nennt sie das Potenzial der Meeting-Branche für Stadtentwicklung, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Erreichbarkeit/Verkehrsverbindungen, Internationalisierung, Offenheit, Diversität, Identität und Sichtbarkeit.

Dem stehe allerdings Prof. Greg Clarks „Partnerschafts-Kluft” zwischen der Meeting-Industrie und vielen Verwaltungen/Regierungen entgegen. Prof. Clark, CBE, berät die OECD sowie mit seinem Unternehmen Business of Cities zahlreiche Metropolen und Regierungen. Laut ihm wird Branche vor Ort oft unzureichend verstanden und anerkannt, weil mit Urlaub in einen Topf geworfen sowie nicht als Faktor des politischen Fortschritts gesehen. Natasha Richards möchte hier mit Advocacy und klaren Zielen Brücken bauen.

Lokal und regional hat die Meeting- Industrie vielfach tolle Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass die Wertigkeit von der Politik sehr gut eingeschätzt wird, beobachtet hingegen ECM-Präsident Dieter Hardt-Stremayr. Überzogene „Königsdisziplin“- Selbstbezeichnungen hätten allerdings an der Glaubwürdigkeit gekratzt: „Ich denke, die Branche ist gerade dabei, sich besser abgestimmte, gemeinsame Sprachreglungen zuzulegen. Es ist ganz wesentlich, dass der Sektor gemeinsam auftritt. Nur so besteht eine Chance, auch tatsächlich gehört und ernst genommen zu werden. Die Iceberg-Kampagne zielt genau in diese Richtung“, sagt der Österreicher.

Advocacy dürfe nicht zum Selbstzweck verkommen: „Es muss ständig überprüft werden, ob die vertretenen Interessen auch tatsächlich dem entsprechen, was die Vertretenen wollen und brauchen. Der Weg des geringsten Widerstands ist meist der falsche!“

Storytelling. Auf einen wichtigen Erfolgsfaktor verweist Prof. Stefan Luppold, DHBW Baden-Württemberg: „Wenn Advocacy strategisch – also langfristig – angelegt wird und wirken soll, dann ist Storytelling ein Garant für Nachhaltigkeit.“ Cartigny betont, dass Regulierer für private oder rein kommerzielle Anliegen so gut wie kein Ohr haben: „Wichtig ist eine Geschichte, mit der Firmenvertreter zu Lösungen für globale, nationale und lokale Herausforderungen beitragen können.“ Hardt-Stremayr ergänzt: „Eine gut erzählte Geschichte sitzt und kann leicht nacherzählt werden. Das gilt für alle Kanäle.“

Aloysius Arlando, Präsident des Internationalen Verbandes der Tagungszentren (AIPC) sowie als CEO der Sing­Ex Holdings Betreiber von Singapurs Expo, denkt eher problemorientiert: „Die größten Herausforderungen sind aktuell der zunehmende Wettbewerb, ständig wechselnde Erwartungen auf Veranstalter- und Teilnehmerseite sowie das Sichern politischer und gesellschaftlicher Unterstützung für die nötigen Investitionen. Hinzu kommen steigende Hotel- und Flugkapazitäten und -preise sowie ein gutes Sicherheitskonzept, sowohl vor Ort als auch im Internet. Der Wettbewerb ist auf viele Jahre bei weitem die größte Herausforderung, getrieben von vielen neuen Konkurrenten sowie Expansionen weltweit.“

Prof. Luppold sieht beim Verbreiten der guten Botschaft noch viel zu tun. Er leitet in Baden-Württemberg die Landesfachkommission Messe, Event und Tourismuswirtschaft: „Da wollen wir im ersten Schritt die politisch Verantwortlichen für die Branche sensibilisieren, losgelöst von einzelnen Unternehmensinteressen.“

Koalitionen. Der Logos-MCI-Experte Cartigny rät zum Schmieden von Branchenkoalitionen: Angesichts der Vielzahl in Brüssel repräsentierter Interessen sei das der erfolgversprechendste und effektivste Weg ans Ziel: „Man muss mit anderen Stakeholdern eine gemeinsame Basis finden, um so die Erfolgsaussichten zu maximieren.“

Mit dem 2003 gestarteten IMEX Policy Forum möchte Organisatorin Richards eine „Branchenkoalition als Katalysator“ schmieden, die „eher die Politik als die Politiker beeinflusst“. Als diesjähriges Thema kündigt sie „The Business of Placemaking: Wie können Firmenevents als Katalysator für die Entwicklung inspirierender Orte wirken?“ an. Auf dem Programm stehen Fall­studien aus der Perspektive erfolgreicher Akteure aus Politik, Stadtplanung und Destinationen.

Ursula Errington, ehemalige Korrespondentin und Wirtschaftsmoderatorin von Sky News UK, hat sie als neue Moderatorin gewonnen. Der ehemalige ICCA-CEO Martin Sirk hat angekündigt, bei seinem 17. Policy Forum die „nationalen Diskussionen“ zu leiten.