CIM 2020/5 Fokus

Lobbyarbeit etablieren!

// Katharina Brauer

Tom Koperek, Geschäftsführer der Grand Hall Zeche Zollverein und Initiator der #AlarmstufeRot, gibt der Branche mit einer konzertierten Aktion endlich eine wahrnehmbare Stimme.

Tom Koperek, Initiator der #AlarmstufeRot, gibt der Veranstaltungsbranche eine gemeinsame Stimme; Photo: LK

CIM: Die von Ihnen ins Leben gerufene Initiative #AlarmstufeRot hat am 28. Oktober 2020 die dritte Großaktion zur Rettung der Veranstaltungsindustrie organisiert. Wie konnten Sie die Einhaltung der Hygiene-Auflagen gewährleisten?

Tom Koperek: Die Veranstaltungswirtschaft in Deutschland ist die am besten ausgebildete Veranstaltungsindustrie der Welt. Selbstverständlich haben wir uns an Hygieneauflagen und Sicherheitsstandards gehalten, die wir mit den Behörden abgestimmt haben. Wer dabei nicht mitmachen wollte, den haben wir des Feldes verwiesen. Niemand kann besser sichere Veranstaltungen organisieren und durchführen als die Veranstaltungswirtschaft in Deutschland.
 

Was hat der bisherige Rettungsdialog mit der Politik gebracht?


Ich möchte betonen, dass wir wirklich gute Gespräche mit der Politik führen. Wir haben es sogar bis zu einem Termin mit Bundesfinanzminister Scholz persönlich gebracht. Der Rettungsdialog wird koordiniert vom parlamentarischen Staatssekretär Thomas Bareiß, ein ranghoher Mitarbeiter von Bundeswirtschaftsminister Altmaier. Herr Altmaier und Herr Scholz könnten sich ein Sonderprogramm zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft in Deutschland vorstellen. Beide hatten unseren Wirtschaftszweig bislang nicht auf dem Zettel. Hier rächt sich, dass unsere Branche es versäumt hat, eine Lobbyarbeit zu etablieren.
Dass der EU Beihilferahmen am 13. Oktober auf drei Mio. Euro pro mittelständisches Unternehmen erweitert wurde, ist eine gute Nachricht für KMUs, die sonst durch die Aufnahme von KfW-Darlehen mit mehr als sechs-jähriger Laufzeit aus der Überbrückungshilfe-Förderung herausgefallen wären.
 

Was sind aktuell Ihre konkreten Forderungen?


Wir kämpfen für einen Unternehmer-Eigenleistungsbeitrag, auch Unternehmerlohn genannt. Die 100.000 Soloselbstständigen und Einzelunternehmer sind stark von der Krise getroffen und fallen vielfach in die Grundsicherung oder Hartz IV. Es gilt, bei der Politik eine Lösung zu erreichen, die einen adäquaten Unternehmerlohn für diese Gruppe sicherstellt.
Während die Kredit- und die Kurzarbeiterprogramme angepasst werden müssen, gilt es, realitätsfremde Restriktionen bei den Überbrückungshilfeprogrammen abzuschaffen. Wichtig für größere mittelständische Unternehmen ist die Aufhebung des Deckels von 50.000 Euro pro Unternehmen pro Monat.
 

Was bringt die vom Bundeswirtschafts‧ministerium am 14. Oktober zugesicherte Verlängerung der Überbrückungshilfen bis zum 30. Juni 2021 für die Veranstaltungsindustrie?


Sie bringt zumindest die Perspektive, dass viele der Unternehmen, die derzeit aufgrund des Bevölkerungsschutzes mit einem Berufsausübungsverbot belegt wurden, bis zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlich überleben können.
 

Für die öffentliche Wahrnehmung der heterogenen Branche ist es essenziell, dass sie mit einer Stimme spricht. Gibt es, über die Demonstration hinaus, hier weitere Maßnahmen?


Derzeit wird viel häufiger über unseren Wirtschaftszweig berichtet. Im Rahmen unserer Arbeit mit dem Aktionsbündnis #AlarmstufeRot hat die Branche alle maßgeblichen Verbände, Institutionen und Vereine hinter einer Allianz versammelt. Durch die professionelle, solidarische und hervorragend koordinierte Zusammenarbeit der Verbände ist gewährleistet, dass die Branche insgesamt mit einer Stimme spricht. Dies wird sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik sehr positiv aufgenommen.
 

Inwiefern ist die Livekommunikation „systemrelevant“?


Sie ist systemrelevant, da sie zu einem großen Teil unser kulturelles Miteinander ausmacht. Unser Gesellschaftsleben wäre ohne Livekommunikation nicht denkbar: Messen, Kongresse, Events, Konzerte, Festivals bis hin zu Feiern im privaten Umfeld – das Leben spielt sich von Mensch zu Mensch ab. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und Geschäfte werden zwischen Menschen gemacht, die live am besten miteinander kommunizieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Koperek! Katharina Brauer