CIM 2019/3 Fokus

Mehr als ein Spassfaktor

// Katharina Brauer

In der zunehmend komplexen (Meeting-)Welt gibt es keine Lösungen von der Stange. Kreativität er­öffnet frische Impulse, den Blick aufs Ganze und einen Wettbewerbsvorteil.

Das mice:lab Bodensee-Meeting: mit kreativen Techniken zu neuer Begegnungskultur Photo: mice:lab

Der Event Canvas führt im kreativen Prozess zu messbaren Ergebnissen. Photo: Michael Pasternack

Kreativität, ganz praktisch: Mitarbeiter malen lassen. Photo: CIM/K.Brauer

„Kreativiert Euch!“: Der Appell trifft den Nerv der Zeit. Photo: Europa Verlag

Umdenken. Kreativität erlebt heute eine hohe Wertschätzung und wird zum Hoffnungsträger bei der Suche nach Lösungen, die Wirtschaftswachstum und Ökologie miteinander versöhnen. Die Standortinitiative für Deutschland „Land der Ideen“ hat schon 2005 die wertvolle Ressource Kreativität beschworen. Doch die Zahl deutscher Patent-Anmeldungen ist rückläufig; der größte Kreativ-Output mit den innovativsten Ideen kommt aus Übersee. Dies belegt das im März 2019 erstellte Ranking der Boston Consulting Group. Als bestplatziertes deutsches Unternehmen listet sie Adidas auf Rang 10.

Mehr persönliche Freiräume und Eigenverantwortung sind Voraussetzungen für den Erfolg kreativ arbeitender Unternehmen. Davon sind die Autoren der Hirschen Group überzeugt und formulieren mit ihrem gleichnamigen Buch den Appell „Kreativiert Euch!“. Die Imex 2019 mit dem Motto „Imagination“ bot eine ideale Plattform zum Vorstellen des Titels. Neben individuellen psychologischen Faktoren wie Neugier, Forschungsdrang und Schöpfertum erörtert er auch die kollaborative Kreativität in Gruppen. Hier kommen Meetings, ihre Planer und Supplier ins Spiel.

„Kreativität und Ideenreichtum sind spezifisch menschliche Qualitäten, die nicht automatisiert werden können wie viele eher logistische Funktionen“, sagt Imex-CEO Carina Bauer. Planer seien in ihrer Meeting-Strategie daher weniger nur auf logistische Abläufe fokussiert, sondern stellten sich kreativ vor, wie Events Geschäftsziele einer Organisation unterstützen könnten. „Branchenakteure müssen alle Aspekte des Meeting-Designs im Auge haben und darauf achten, wie die Veranstaltung Teilnehmer motiviert und einbezieht. So betrifft Kreativität nicht nur den Spaßfaktor als Teil des Events. Es geht darum, Events ganzheitlich zu sehen und sie bedarfsgerecht zu gestalten“, erläutert Bauer.

Für mehr Kreativität bei Tagungen engagiert sich das Event Design Collective. „Events, die kein Verhalten ändern, sind Entertainment“, ist Gerrit Jessen überzeugt. „Nur wer die Erwartungen der verschiedenen Stakeholder vor dem Event analysiert und das gewünschte Verhalten danach definiert, kann ein Event designen, das messbare Ergebnisse liefert“, weiß der Deutschland-Direktor des Event Design Collectives. Die von ihm entwickelte Event-Canvas-Methode hilft, komplexe Probleme kreativ zu lösen. Sie unterstützt das Verstehen der Stakeholder eines Events und ihrer Bedürfnisse in einem kreativen Arbeitsprozess. Prototypisierung ermöglicht es, eine Vielzahl innovativer Lösungen zu entwickeln und im Team zu gestalten.

„Team-Spirit“ ist auch ein Schlüssel zum Verständnis für den kreativen Ansatz des micelab:bodensee, das sich seit 2016 mit 13 Bodensee-Meetingpartnern für die Entwicklung einer lebendigen Begegnungskultur einsetzt. Gerade ist als Extrakt des zweiten Forschungslabors das Bändchen „Eros und Resonanz“ erschienen.

„Um Kreativität zu fördern, braucht es einen Rahmen, der Sicherheit vermittelt und dennoch genügend Freiräume zulässt, eine Vertrauensbasis, um offen und hierarchiebefreit in Austausch zu gehen, und die Bereitschaft, sich und anderen im positiven Sinne etwas zuzumuten. So schaffen wir es, die Komfortzone zu verlassen“, berichtet Urs Treuthardt vom micelab:bodensee. „Wir forschen, lernen und arbeiten auf diese Weise, weil wir erkannt haben, dass so lebendige Veranstaltungen gelingen, die Freude machen und nahezu unerschöpfliche Quellen für kreative Ideen und Anstoß für Weiterentwicklung sind“, resümiert der Weiterbildungsbeauftragte.

Vertrauensvolle, offene Kommunikation hält Bernhard Wolff vom Think-Theatre für den entscheidenden Erfolgsfaktor der Kreativität. Er ist der Erfinder des „Ideenfrühstücks“ im Berliner Kongress- und Tagungszentrum Axica. Aufgrund seiner ungewöhnlichen Architektur, wo sich die Teilnehmer gegenübersitzen, bietet es den idealen Erlebnisraum zum Erproben kreativen Querdenkens. Anders als IQ-Test-kompatibles konvergentes Denken, verlässt es lineare Denkmuster und ist offen für Gedankensprünge und Emotionen. Der nächste Termin für das Axica-Ideenfrühstück zum Thema ‚Innovationskultur‘ ist der 29. August 2019.

Die gute Nachricht, dass „Kreativität kein individuelles Talent, sondern erlernbar ist“, kommt von Edward de Bono, Leiter des Instituts für neues Denken, University of Malta. Das von ihm entwickelte „Sechs-Hüte-Denken“ sieht vor, durch imaginiertes Aufsetzen farbiger Hüte verschiedene Sichtweisen eines Problems zu erfahren und so auch andere Positionen zu verstehen. Flexibilität und Emotionalität sind nach de Bono essentiell für neues Denken, das über reine Analysen hinaus zu innovativen Lösungen führt.

Impulse zum Querdenken oder „Über den Tellerrand Schauen“ gibt die Meeting- Industrie durch Implementieren neuer Formate und digitaler Hilfsmittel, die Teilnehmern ein höheres Maß an Partizipation ermöglich sollen. Digitale Angebote holen Delegierte ab und begeistern mit spielerischer Handhabung und schnellen Lösungsangeboten (siehe hier).

Die klassischen Künste scheinen sich als Inspirationsquelle für Kreativität Terrain zurück­zuerobern. Das ICC Sydney em­­pfiehlt sich mit der Kampagne „More than a venue“ als Galerie für namhafte australische Gegenwartskünstler. Mit dem „kulturellen Anknüpfungspunkt“ bietet das ICC Sydney Teilnehmern Mehrwert. Auch m:con – mannheim:congress versteht die Kooperation mit der neuen Kunsthalle Mannheim als Win-win-Situation für beide Seiten. Die Räumlichkeiten der Kunsthalle liegen vis-à-vis des m:con Congress Centers Rosengarten Mannheim.

Auch wer sich in praktischer Kreativität versuchen wollte, kam bei der Imex 2019 auf seine Kosten. Das Kölner Studio Painting Partys, seit 2018 auch in Frankfurt vertreten, gab Imex-Besuchern Gelegenheit, unter professioneller Anleitung von Jeanette Linkenbach und Kirsten Baldwin ihr malerisches Talent zu entdecken, Spaßfaktor inklusive.