Fokus

Vieles kann, nicht alles muss

Algorithmen krempeln die Event-Branche um. Die Technologie eröffnet schier unendliche Investitionsmöglichkeiten. Was sich lohnt, entscheidet der Mensch, dem die Technik dienen soll.

McNeel Keenan, Senior Director Product Management bei Cvent Photo:Cvent

Göran Göhring, Geschäftsführender Gesellschafter Stagg & Friends Photo: Stagg & Friends/Patricia Eichert

Künstliche Intelligenz (KI) verschafft den Kunden von Dr. Michael Liebmanns Unternehmen „doo“ Wettbewerbsvorteile. Schlüssel dazu ist das Personalisieren von Events. Doos „Smart Event Automotion“ umfasst Einladungsmanagement, Online-Registrierung, Einlass und Tracking sowie Apps und Feedback. Personalisiert wird mit selbstlernender Kundenpflege (CRM). Laut Dr. Liebmann bringt das „30 bis 200 Prozent mehr Anmeldungen und einen echten ROI“. Nur fünf Prozent der E-Mails würden geöffnet; durch Individualisieren lasse sich dieser Wert „vervierfachen“. Weitere Anwendungsbereiche sind „eine Agenda mit Daten aus der Teilnehmerreise“ sowie „gezieltes Match-Making“. Doo realisiere „alles auf einer Plattform“, verspricht der Firmengründer.

„Speziell selbstlernende, digitale Tools, Augmented und Virtual Reality (AR/VR = erweiterte/virtuelle Realität), Chatbots und Algorithmen erleichtern die Prozesse und Informationsvermittlung enorm“, resümiert Göran Göhring, Geschäftsführender Partner von Stagg & Friends. Im Zuge der Digitalisierung werde KI auch in der Event- und Livekommunikation verstärkt eingesetzt. Noch könne nicht vorhergesagt werden, welche Services daraus entstehen. Für Göhring steht jedoch fest: „Die gesamte Kommunikation – also auch unsere Branche – wird umgekrempelt.“ Algorithmen durchsuchten Datenbanken in Echtzeit, filtern Informationen. VR und AR visualisierten emotional und bereicherten die reale Welt um eindrucksvolle Aspekte der nicht-natürlichen Welt: „Das entwickelt sich immer mehr zum Standard“, prognostiziert der Düsseldorfer Agenturchef.

FastLane aus Bonn offeriert Rundumservice im Teilnehmermanagement mit Lösungen wie: Full-Color-Live-Badging, Ein lassmanagement und Event-Apps. Für Events mit hohen Sicherheitsanforderungen oder hohem Besucheraufkommen bietet FastLane als erstes deutsches Unternehmen Gesichtserkennung (Face-ID) an, erläutert Werner Schiffer: „Unsere Technologie beruht auf dem biometrischen Vermessen des Gesichtes anhand eines Foto-Uploads des Gastes. Das daraus errechnete biometrische Profil wird in einem ID-Code verschlüsselt und gespeichert. Das Foto wird nicht gespeichert. Der Gast wird dann über ein Live-Bild beim Event erfasst und die biometrischen Daten abgeglichen. Es dauert acht Sekunden, bis das Namensschild ausgedruckt wird. Dank der Einmaligkeit der Biometrie erhalten nur angemeldete Gäste Zutritt.“

Schiffer weiß: „Algorithmen könnten künftig das Erfassen von Besucherverhalten und Analysen von Emotionen ermöglichen. So lassen sich Vorträge auswerten oder Blickrichtungen analysieren.“ Um das Registrieren mobiler und schneller zu gestalten, könnte die Technologie ferner in sogenannten Holo-Lenses angewandt werden, prognostiziert der Experte.

Rund 1.100 Ingenieure arbeiten beim Marktführer Cvent an optimalem Datenfluss zwischen den vielen Produkten für Event-Planer sowie Lösungen zum Steigern der Aufmerksamkeit. „Cvent geht es darum, das Erlebnis des Teilnehmers zu verfolgen, um sein Engagement bei der Veranstaltung genau messen und ihm damit gezielter relevantere Inhalte anbieten zu können“, erläutert McNeel Keenan, Senior Director Product Management. Viele Kunden entschieden sich für die reichweitenstarke RFID-Anwesenheits-Tracking-Lösung OnArrival. Weniger ausgefeilte Mitbewerberprodukte nutzten RFID lediglich, als würden sie einen Barcode scannen, kritisiert Keenan. „Wir halten das für den falschen Ansatz, das ist einfach nicht präzise genug. Bei Cvent verwenden wir einen ausgefeilten Algorithmus, um die genauesten Daten zur Veranstaltungspräsenz sowie zum Standbesuch zu erfassen. Wir sind in der Lage, alle RFID-Lesedaten von allen Gängen, Türen oder Messeebenen mit Handscanner-Daten zu aggregieren und mit dem Veranstaltungsprogramm zu verzahnen“, erläu tert der Direktor: „Der Algorithmus verarbeitet Millionen von Datenpunkten, um die genaue Verweildauer am Stand sowie die Anwesenheitszeit bei den Sessions für alle Teilnehmer zu errechnen, und das in Sekundenschnelle!“

Algorithmen sieht Göran Göhring bei Events ebenfalls bereits flächendeckend im Einsatz: Chatbots könnten mit Teilnehmern über Messaging-Apps und Messenger-Dienste kommunizieren und Infos bereitstellen. „Auch Programmänderungen oder Teilnehmerumfragen kann ein Chatbot mühelos versenden, zudem individualisiert kommunizieren und somit auf Bedürfnisse eingehen“, weiß der Agenturprofi. „Mit Spracherkennungssystemen können Gästen personalisierte Erlebnisse geboten werden. Cloudbasierte Eventmanagement-Plattformen automatisieren und vereinfachen Prozesse und sparen Zeit und Kosten. Intelligente Teilnehmerdaten-Analyse macht Erfolge besser messbar.“ Digitale und selbstlernende Tools unterstützen beim Evaluieren von Lernerfolgen, rät Göhring: „Interaktive Befragungssysteme optimieren Methoden und Inhalte, indem sie Wissenstands-Daten und Produkt-Feedbacks erheben.“ Zum Motivieren kann sich der Stagg & Friends-Chef sogar „Erlebniscatering mit 3D-Druckern“ vorstellen.

Die Freude am Fortschritt dämpft allerdings das Hamburger IMWF Institut für Management- und Wirtschaftsforschung. Seine Studie „Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz 2018“ offenbart Vorbehalte gegen den Algorithmen-Einsatz. Danach sinkt die Zustimmung von über 70 Prozent der Deutschen zur KI auf ganze 47 Prozent, sobald damit ihr Verhalten oder ihre Nachfrage vorhergesagt werden. Lediglich 42 Prozent erklären sich damit einverstanden, dass die KI Gespräche führt. Wer auf Algorithmen setzt, muss also mit Leistung überzeugen, um Akzeptanz zu gewinnen und Fehlinvestitionen zu vermeiden. Wie sagt Göhring so schön: „Wichtig ist, dass nicht die Technologie im Vordergrund steht, sondern die Menschen. KI und Algorithmen sollten Prozesse erleichtern und Personal entlasten, dürfen aber nicht die persönliche Begegnung von Mensch, Marke und Produkt ersetzen.“