CIM 2019/1 Fokus

Zuhören, um verstanden zu werden

Was ist Advocacy? Definitiv ein Trend und weit mehr als schlichtes Lobbying. Vielfältige Dialogfunktionen digitaler Medien fordern die Meeting-Industrie heraus.

Das Europaparlament ist ein Dreh- und Angelpunkt für Advocacy. Photo: EU/EP/Arnaud Devillers

Das IMEX Policy Forum unterstreicht den Wert von Meetings.

Prof. Stefan Luppold, DHBW Ravensburg

ECM-Präsident Dieter Hardt-Stremayr

Ein Rätsel und doch eine Tendenz: Viele scheitern daran, Advocacy ins Deutsche zu übersetzen. Interessenvertretung, Fürsprache treffen es wohl am ehesten. Gemeint ist aber noch viel mehr. „Advocacy ist essenziell für das Erreichen unserer Ziele“, formuliert etwa Cyril Ritchie, Präsident der Union of International Associations, beim UIA Round Table Europe (siehe Seite 34 – 36). Für ihn bedeutet das: „Bürgerbetei­ligung, Vielfalt und Antworten auf soziale Fragen.“

Advocacy ist deutlich mehr als reine Lobbyarbeit bei Politikern und Behörden. Gerne wird sie als „Public Affairs“ beschrieben, wie es etwa Logos-MCI-Direktor Thomas Linget im Titel führt, der für die International Association of Professional Congress Organisers (IAPCO) antwortet. Das bestätigt Ilona Jarabek, Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC): „Bislang bin ich ohne den Fach­begriff Advocacy ausgekommen. Für mich handelt es sich um einen anderen Ausdruck für Public Affairs, d.h. die systematische Kommunikation mit der politisch relevanten Öffentlichkeit zur Interessenvertretung.“

Expertin Rosa Armesto, Vize-Generaldirektorin der Federation of European Securities Exchanges (FESE, siehe S. 18), verweist auf den Ursprung des Begriffs: „Advocacy kommt vom lateinischen ‚advocare‘ und bedeutet ‚um Unterstützung bitten‘.“ Dabei geht es „darum, die Politik auf demokratische Weise zu beeinflussen. Ziel ist, dass ein Thema auf die Tagesordnung kommt, eine meist fachliche Lösung für das Problem gefunden und beides unterstützt wird.“

Dieter Hardt-Stremayr, Präsident des European Cities Marketings (ECM), unterstreicht die Relevanz: „Advocacy gehört zur DNA von ECM. Die gesamte Gründungsidee basiert darauf, dass die Interessen des urbanen Tourismus nicht im Strand-und-Berge-Erholungstourismus untergehen. Das betrifft klassischen Kultur- und Städtetourismus genauso, wie den gesamten Meeting-Sektor oder Geschäftsreisen.“

Hingegen zögern führende deutsche Convention Bureaus, Position zu beziehen: Begründet wird das mal mit der Zuständigkeit der übergeordneten Marketing-/Tourismusorganisation, mal mit der Arbeitsbe­lastung.

Online-Netzwerke, genutzt für moderne Advocacy, führen zu einer Lobbyarbeit 2.0 mit Rückkanal-Kommunikation. Botschaften werden nicht mehr nur bei Abgeordneten platziert. Auf digitalen Kanälen laufen viele Fragen ein und werden nicht bloß anderen gestellt, etwa von Umwelt- und Interessengruppen sowie ganz normalen Bürgern. Das zeigt der gutbesuchte Advocacy-Workshop bei Visit Brussels European Association Summit (CIM 2/2018, S. 50) und bestätigt EVVC-Präsidentin Jarabek: „Die rasante Entwicklung der Social-Media-Kommunikation hat einen besonderen Einfluss und eine völlig neue Form des Miteinanders ermöglicht bzw. durch ihre Omnipräsenz teilweise auch ihre Nutzung erzwungen. Diese Kraft zu ignorieren, wäre in unserer Zeit ein großer Fehler.“

Als Plattform für Advocacy etabliert hat sich derweil die IMEX. Natasha Richards, Advocacy & Industry Relations Managerin der Gruppe, erklärt: „Bei der IMEX ist es unsere Mission, die MICE-Branche zu vereinen und voranzubringen, indem wir vor allem auf Weiterbildung und Innovationen setzen sowie anderen helfen, starke Kon­takte mit den richtigen Leuten zu knüpfen. Unsere Leidenschaft ist es, den Wandel für unsere Stakeholder und die Branche voranzutreiben, indem wir Entscheidungsträger und Influencer dazu bewegen, sich für eine Politik mit positiven Auswirkungen auf die MICE-Branche in allen Teilen der Welt einzusetzen. Anstatt ‚nur‘ eine Messegesellschaft zu sein, die zufällig im MICE-Bereich tätig ist, engagieren wir uns voll und ganz für das langfristige Wohlergehen und Wachstum einer Branche, die wir lieben und die uns am Herzen liegt.“

Dieter Hardt-Stremayr lobt das IMEX Policy Forum: „Es geht vor allem darum, die Wertigkeit von Meetings besser darzustellen. Und zwar weit über die klassisch verfügbaren Kennzahlen wie Teilnehmer, Nächtigungen und Wertschöpfung hinaus. Es geht um die Legacy von Meetings. Was können Konferenzen nicht nur für die Wissenschaft, sondern für bestimmte Austragungsorte/ -städte bedeuten? Kongresse bieten die Bühne für Wissenschaftler. Universitäten mit bestimmten Instituten können an Standorten Lebensgrundlage ganzer Industriezweige sein. Ich bin überzeugt, dass die Reise genau in diese Richtung gehen wird.“

Viele Branchenverbände orientieren sich vorwiegend nach innen, indem sie auf Erfahrungsaustausch, Fort- und Weiterbildung sowie eigene Veranstaltungen setzen. In der Konsequenz wird Advocacy (noch?) vielfach vernachlässigt. Dies erklärt Klagen, dass die Meeting-Industrie in Politik und Öffentlichkeit unzureichend wahrgenommen werde. Richards kennt den richtigen Ansatz: „Zuhören und Klarheit des Denkens. Ob am Familientisch, im Büro, in einer Sportmannschaft oder innerhalb der Regierung, zuerst müssen wir alle zuhören, um zu verstehen. Erst dann können wir hoffen, verstanden zu werden. Es klingt einfach, ist aber nicht leicht!“

Prof. Stefan Luppold von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Ravensburg warnt vor einem falschen Ansatz: „Advocacy muss authentisch und nicht offensichtlich mit der Unternehmens- oder Verbandskommunikation verbunden etabliert werden.“ Der Branchenkenner betrachtet Advocacy „als Ansatz, um in einer uneigennützigen und selbstlosen Form – aber mit Methode – Vertrauen zu gewinnen.“ Lobbyarbeit sei ein Teil davon. Dies allerdings mit einer Interessenvertretung, wie sie Advokaten und Lobbyisten pflegen, in Einklang zu bringen, erfordert Sachverstand und Dialogbereitschaft. Das ist eine Herausforderung für die führenden Kopfe der Meeting-Branche. Sie haben allerdings schon andere Challenges gemeistert.