Zur UIA-Jahrestagung 2010 wählten Sie ein sehr interaktives Format für die Gesprächsrunde zum Thema Nachhaltigkeit. Wie sah es aus?
Wir hatten zehn runde Tische aufgestellt. Die drei Gastredner, darunter Marc Bontemps, Chef von Ecolife, waren darauf vorbereitet, dass die Teilnehmer den Ablauf gestalten und sollten Wortbeiträge provozieren. Für Adhoc- Umfragen diente ein Abstimmsystem. Auf einer Tafel hielten wir alle Meldungen visuell fest. Das begleiteten eine Twitterwall und „Pirate pads“ (miteinander verbundene Laptops) von Abbit Meeting Support. Die Zusammenfassung lieferten das gemeinsam erstellte Textdokument, seine Wortwolke und das visuelle Protokoll.
Wie war die Stimmung im Saal?
Es ging laut und lebhaft zu; provokative Fragen kamen aus allen Richtungen und über Ideen wurde abgestimmt. Eine Kampfabstimmung über die Frage „Sollten Verbände weniger reisen?“ spaltete den Raum in zwei Lager.
Warum haben Sie die neue interaktive Konferenzform gewählt?
Die Tagung war Teil unserer Hundertjahrfeier. Paul Otlet und Henri La Fontaine gründeten die UIA, um Interaktion zwischen den Verbänden zu fördern und nicht, um sie zu belehren. Wir glauben, dass der Ideenaustausch neue Konzepte schafft und Beziehungen. Hinzu kommt der Zeitgeist. Die Krisen in Wirtschaft, Politik und Umwelt führen zu mehr Kooperation. Bei internationalen Kongressen geht es eher um die Erforschung von Konsens, Kreativität und Kooperation als um Information und Bildung. Die Tagung war ein Experiment.
Hat es funktioniert?
Manche wünschten sich ein wissenschaftlicheres Meeting. Sie vermissten Powerpoint-Vorträge mit akademischem Hintergrund. Trotz der Teilnehmerzahl funktionierte das Format überraschend gut. Manchmal grenzte es an Chaos, und nicht alle konnten gehört werden. Es hätte manchmal einer etwas festeren Hand bedurft. So gab es keinen Konsens. Bei einem herkömmlichen Podiumsgespräch hätten wir nie die Meinungsverschiedenheit erkannt. Paradoxerweise hat gerade diese Erkenntnis die Gruppe nicht gespalten, sondern für Verständnis gesorgt.
Welche Lehren ziehen Sie?
Angesichts der Kosten großer Versammlungen müssen wir Wegen suchen, um deren Wert zu maximieren. Allzu oft kommt der Vortrag von der Bühne und trifft auf ein passives Publikum. Es ist an der Zeit, die Zielrichtung zu ändern. Die meisten Redner sind bekannt und ihre Vorträge zugänglich. Wir sollten mehr mit Formen arbeiten, die alle Anwesenden ermutigen, sich zu äußern, Fragen zu stellen und ihre Beurteilung abgeben. Das Experimentieren mit neuen interaktiven Technologien wirkt auf manche ablenkend. Doch es lohnt sich, mit spontanen Dokumentationsmethoden und „Chat“-Technologien zu experimentieren, um die Beteiligung zu stärken.