Göttingen. Die Halle wirkt nüchtern, fast nackt. Eine riesige leere Fläche, begrenzt von kargen Steinwänden mit großen Sprossenfenstern. Oben, unter dem Dach, einige Metallverstrebungen, an denen massive Metallhaken hängen. Schräg fallen die letzten warmen Strahlen der Nachmittagssonne in diese Leere. Beinahe ein wenig verloren wirken da die beiden jungen, schlaksigen Männer in Jeans und Sweatshirts, die hier eine Lagebesprechung abhalten: „Was meinst Du, sollen wir noch ein paar Pinguine bestellen?“, fragt Thomas. „Die waren letztes Jahr der Renner.“ Benjamin, sein Gegenüber, ist skeptisch: „Stimmt, aber ich muss klären, ob das noch in die Kalkulation passt.“ Benjamin Wolff und Thomas Rönker, beide Anfang Zwanzig und im dritten Jahr ihrer Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, sind mittendrin in der Planung eines Projekts, das man in der Lokhalle Göttingen, einer multifunktionalen Eventlocation in Südniedersachsen, vor zehn Jahren auf den Namen „Eiszeit“ taufte.
Seitdem sorgt diese Millenniumsidee einer überdachten Eislaufbahn im Ambiente eines echten Industriedenkmals jedes Jahr zur Winterzeit für viele glückliche Menschen in der Region. In die Eiszeit passen die Pinguine sehr gut hinein. Keine lebendigen Tiere, sondern äußerst praktische und lustig aussehende Eislaufhilfen, die nicht nur bei Kindern heiß begehrt sind. Das Besondere an diesem Projekt: Das Management überlässt seit einigen Jahren den Auszubildenden die Verantwortung – von der Budgetplanung bis zur abschließenden Eisschmelze. Was für den verwöhnten Eislaufbesucher so selbstverständlich funktioniert ist Ergebnis einer intensiven und komplexen Vorbereitung, die für die Azubis als eine Art Feuertaufe für den späteren Beruf gilt.
Der Klingelton eines Handys durchdringt die Stille. Benjamin fischt das Gerät aus seiner Hosentasche, aus der ein schwarzes Halsumhängeband baumelt, darauf das Lokhallen-Logo. Fast jeder Mitarbeiter trägt es. Das untrügliche Erkennungszeichen einer Crew, die zweifellos stolz darauf ist, in einer so bekannten Halle arbeiten zu können, wo Showgrößen wie Joe Cocker und Sting, Mario Barth und Dieter Nuhr auftreten, wo das lokale Basketballteam vor einem enthusiastischem Publikum die Bundesligaheimspiele bestreitet, wo Messen, Präsentationen von Konzernen und Kongresse laufen und wo sogar das ZDF seine „Wetten dass?“-Show ausrichtete. Am Telefon ist Patrick, mit 21 Jahren der jüngste im Bunde des Azubi-Dreierteams, das dieses Jahr die Eiszeit „wuppen“ muss. „Okay, wir kommen rüber, bis gleich“, antwortet Benjamin. Wenig später im cool gestylten Konferenzraum des gegenüberliegenden Verwaltungsgebäudes der Lokhalle, das jeder in Göttingen Medienhaus nennt, weil hier auch eine Zweigstelle des NDR residiert und ein Verlag arbeitet. Patrick Sasse und die beiden anderen sitzen mit einem Stapel Unterlagen am Tisch, mit ihnen zwei junge Frauen. Jennifer Kaufmann und Nina Sohns waren letztes Jahr in der gleichen Situation, jetzt stehen sie den jungen Männern mit Rat und Tat zur Seite. Vor kurzem haben sie ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau abgeschlossen. Wer so früh wie im Lokhallen-Team Verantwortung trägt, baut ein tiefes Verständnis für das Berufsfeld auf, lernt den sachlichen Blick für das Machbare und vor allem unternehmerisch zu denken. Dem späteren ausgelernten Veranstaltungskaufmann kommt man somit einen Siebenmeilenstiefelschritt näher. Gute Ideen wie die mit den Pinguinen, die Jennifer letztes Jahr einbrachte und gleich realisieren konnte, sind gefragt. Doch die nüchterne Kalkulation der Kosten ist ebenso wichtig beim Konzipieren und Organisieren von Veranstaltungen wie die Sicherstellung des reibungslosen Ablaufs bis hin zur Nachbereitung.
Auch 2010 wird das Azubi-Projekt, das auch als Prestigeobjekt der Stadt gilt, ein Erfolg werden. Die Eiszeit lockt jährlich etwa 20.000 bis 25.000 Besucher auf die 855 Quadratmeter große überdachte Eisfläche. Tendenz steigend, weil nunmehr auch Diskos und Moonlight-Parties hinzugekommen sind.