"Alle kochen nur mit Wasser"

Ulrich Kromer von Baerle, Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart, hält eine private deutsche Messegesellschaft für denkbar, aber unwahrscheinlich.

Ulrich Kromer, Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH. (Photo: K. Tschoviko)

CIM: Wie ist die Landesmesse Stuttgart im Blick auf den internationalen Wettbewerb aufgestellt?

Ulrich Kromer von Baerle: Wir werden zunehmend internationaler: Um 40 Prozent haben wir den Anteil ausländischer Aussteller erhöht, haben fast 70 Prozent mehr ausländische Besucher als vor zehn Jahren. Bedingt durch einen – im Vergleich zu anderen Gesellschaften und Veranstaltern – späten Einstieg in ausländische Märkte, haben wir als Messeveranstalter im Ausland aber sicherlich noch Entwicklungspotenzial.

Wo sehen Sie Potenziale, wo lauern Gefahren?
Chancen und Potenziale gibt es in vielen Märkten. Sobald sich das politische Umfeld wieder stabilisiert, wird der eine oder andere Markt wieder interessant werden (zum Beispiel Iran, Russland), respektive weiter wachsen (Türkei). Generell gilt: Die Entwicklung neuer Produkte im Ausland ist ein schwieriger Weg. Einfacher ist Wachstum über Akquisitionen.

Bedrohen Investments von Private-Equity-Gesellschaften sowie das Entstehen neuer, internationaler Messeriesen die Vormachtstellung der deutschen Messegesellschaften?
Auch diese kochen zunächst einmal nur mit Wasser. Eine direkte Bedrohung sehe ich nicht. Obwohl für die Private-Equity-Gesellschaften das Beschaffen liquider Mittel für Akquisitionen deutlich einfacher ist als für öffentlich-rechtliche Gesellschaften. Aber in Deutschland sind viele Messethemen sehr gut besetzt, da gibt es nur wenige Nischen. Ich gehe davon aus, dass auch in Zukunft Qualität, Dienstleistung und Themenfokussierung den deutschen Messegesellschaften Wettbewerbsvorteile bringen werden.

Verstärkt eine einsetzende Marktkonsolidierung Größenvorteile? Wie reagieren sie darauf?
In Deutschland ist jetzt „der Kuchen“ mehr oder weniger verteilt. Bei fokussierter Themenentwicklung, vielfach in enger Verbindung mit Industrie, respektive den Industrieverbänden, sind die deutschen Messegesellschaften am deutschen Markt im Vorteil. Entsprechend arbeitet auch die Messe Stuttgart. Im Ausland ist die Situation sicherlich differenzierter zu betrachten. Dort können für die großen privaten Messegesellschaften aufgrund ihrer offensichtlich schier unerschöpflichen Finanzquellen durchaus Vorteile entstehen.

Befürchten Sie ein Ende des Wachstums?
Zunächst einmal wird die Marktentwicklung von der Wirtschaftslage und grundsätzlich von Angebot und Nachfrage abhängen. In einer wirtschaftlich stabilen Situation werden die Messen davon profitieren und weiter wachsen. Analog verhält es sich im Ausland. Natürlich ist in vielen Ländern aufgrund der Nachfrage der vor allem englischen und amerikanischen Privatveranstalter die Einzelakquisition teurer geworden. Da sich letztlich jede Übernahme rechnen muss, wird sich der Markt sicherlich – analog der 90er Jahre in Europa – preislich wieder etwas beruhigen, respektive normalisieren.

Wie offen ist die Landesmesse Stuttgart für Investoren?
Die Interessessenslage öffentlich rechtlicher Gesellschafter und privater Investoren ist nicht zwingend identisch. Möglich wäre ein solcher Schritt, wenn private Investoren auch bereit sind, in Infrastruktur zu investieren. Das war bis dato noch nicht der Fall.

Werden qualifizierte Führungs- und Nachwuchskräfte von ausländischen Wettbewerbern abgeworben?
Der Arbeitsmarkt ist offen in alle Richtungen. Die Erfahrung zeigt, dass es sinnvoll ist, mit einheimischen Kräften des jeweiligen Marktes zu arbeiten. Da die deutschen Messegesellschaften ein hohes Ausbildungsniveau haben und sich viele der Mitarbeiter über viele Jahre in einzelnen Branchen qualifiziert und ihr Netzwerke ausgebaut haben, ist natürlich der Reiz vorhanden.

Was halten Sie vom Vorschlag einer gemeinsamen deutsche Messegesellschaft, um mit Größenvorteilen Branchenriesen aus dem Ausland Paroli zu bieten?
Alle bislang diskutierten Anläufe (Frankfurt und Hannover, Hannover und Stuttgart, Düsseldorf und Essen, Düsseldorf und Köln) zeigen, wie komplex solche Fragen im öffentlich-rechtlichen Umfeld sind. Das ist angesichts der hohen Investitionen in die Immobilien und der Bedeutung der Messen in Sachen Umwegrentabilität verständlich. Ganz abgesehen von den Befindlichkeiten der einzelnen Gesellschaften und ihrer Führungsebenen. Eine Messe Deutschland AG dürfte daran, wie auch unter Wettbewerbsaspekten (Kartellrecht) eher scheitern, eine Holding tendenziell auch. Mehr Chancen haben bilaterale Kooperationen, die zurzeit vor allem im Ausland praktiziert werden. Denkbar wäre eventuell noch eine „private Messegesellschaft“, deren Gesellschafter die deutschen Messegesellschafter sind. Diese müsste natürlich dann auch finanziell für entsprechende Akquisitionen – speziell im Ausland - ausgestattet sein und mit Themen „gefüllt“ werden, um lebensfähig zu sein. Ob wir eine solche Konstellation erleben, wage ich zu bezweifeln.

Vielen Dank für das Interview, Herr Kromer von Baerle!