10,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle in Deutschland – so viel meldete das Umweltbundesamt für 2022 an die EU-Kommission. Allein in der Außer-Haus-Verpflegung fallen in Deutschland jährlich rund 2 Millionen Tonnen an, das sind 18 Prozent aller bundesweit entsorgten Lebensmittel. Denn gerade beim Catering auf Tagungen und Messen oder am Hotelbuffet summieren sich die Reste schnell. Und das Problem reicht weiter als der volle Mülleimer: Hinter jedem weggeworfenen Lebensmittel steckt ein erheblicher Ressourcenverbrauch an Fläche, Wasser und Energie. Lebensmittelabfälle sind zudem für geschätzte 8 bis 10 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Dass sich daran etwas ändern lässt, zeigt ein Leitfaden, den das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem DEHOGA Bundesverband bereits 2016 veröffentlicht hat. Die Botschaft: Kleine Maßnahmen, große Wirkung. Empfohlen werden eine genauere Mengenkalkulation, bedarfsgerechter Einkauf, kleinere Portionen, gezieltes Nachlegen sowie saisonale und pflanzliche Angebote. Dazu kommen Mehrwegsysteme, die Weiterverwertung überschüssiger Lebensmittel, Mitarbeiterschulungen und regelmäßige Abfallanalysen. 2021 folgte der nächste Schritt: Der DEHOGA unterzeichnete gemeinsam mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und weiteren Branchenverbänden eine Zielvereinbarung. Bis 2030 sollen im Einklang mit den Zielen der Vereinten Nationen Lebensmittelabfälle auf Ebene des Einzelhandels und der Verbraucher halbiert und Verluste entlang der Produktions- und Lieferkette deutlich reduziert werden.
Weniger ist mehr
Ein Beispiel aus der Praxis: Seminaris Hotels hat angekündigt, Zero-Waste-Prinzipien noch stärker in ihr Veranstaltungsangebot zu integrieren. Bereits rund 50 Prozent der Kaffeepausenangebote werden nach entsprechenden Kriterien gestaltet, der Anteil soll weiter steigen. Zur Umsetzung gehört die vollständige Verwertung einzelner Lebensmittel – etwa Bio-Bananen einschließlich der Schale für ein Bananenbrot. KI-gestützte Systeme des Unternehmens KITRO erfassen und analysieren anfallende Abfälle. Ergänzend setzt die Hotelgruppe auf kleinere Tellergrößen, angepasste Buffetgestaltung und eine stärkere Sensibilisierung von Gästen und Mitarbeitenden. „Für uns muss Nachhaltigkeit im Veranstaltungsalltag funktionieren – für unsere Teams genauso wie für unsere KundInnen und Gäste. Zero Waste ist deshalb kein Zusatz, sondern Standard in unseren Konferenzkonzepte“, sagt Ann-Christin Piovano, Head of Convention Sales bei Seminaris.
Wissen, das wirkt
Das Thema bewegt die Branche weltweit. Im April 2026 stellte die Kuala Lumpur Convention Centre Business Events Alliance gemeinsam mit WWF-Malaysia, der Taylor’s University und der UCSI University den ersten landesweiten Leitfaden für Abfallmanagement und verantwortungsvolle Beschaffung in der malaysischen Hospitality-Branche vor. Die KLCCBEA brachte Praxiswissen ein, die Hochschulen wissenschaftliche Erkenntnisse, WWF-Malaysia übernahm Entwicklung und Publikation. „Lokal bleibt das Wissen und die Einstellung von Hospitality-Mitarbeitenden zum Thema Lebensmittelabfallmanagement nur moderat – besonders in Bereichen wie Kompostierung und internen Abfallanalysen“, erklärt John Burke, General Manager des Kuala Lumpur Convention Centre. „Dieser Leitfaden wurde sowohl für Praktiker aus der Industrie als auch für Ausbildende entwickelt.”
Der Leitfaden geht über reine Abfallvermeidung hinaus: Praktiker erhalten konkrete Werkzeuge, um Lieferanten zu bewerten, fundierte Beschaffungsentscheidungen zu treffen und Nachhaltigkeitskriterien in Einkaufsrichtlinien zu verankern. Fallstudien aus Hotels und Restaurants sowie der Behaviour-Centred-Design-Ansatz helfen dabei, die Ursachen verschwenderischen Verhaltens zu erkennen und gegenzusteuern. Inzwischen dient der Leitfaden auch als Lehrmaterial an den beteiligten Hochschulen – damit angehende Fachkräfte das Thema von Beginn an mitdenken.
Johanna Palmu

Wie gelingt nachhaltiges Eventcatering in der Praxis? Antworten gibt Stephanie Forstner, Prokuristin und Nachhaltigkeitsbeauftragte des Event-Caterers lemonpie.
CIM: Was verstehen Sie bei lemonpie unter nachhaltigem Eventcatering?
Stephanie Forstner: Nachhaltiges Eventcatering bedeutet für uns, Veranstaltungen ganzheitlich zu denken – von der Planung über die Auswahl der Produkte bis hin zur Umsetzung vor Ort. Im Mittelpunkt steht dabei ein Zusammenspiel aus Qualität, Verantwortung und Effizienz. Dabei achten wir nicht nur auf regionale und saisonale Zutaten, sondern auch darauf, mit Partnern und Lieferanten zusammenzuarbeiten, die unsere Werte teilen und selbst nachhaltig wirtschaften. Diese konsequente Prüfung der Lieferkette sorgt dafür, dass Nachhaltigkeit nicht am eigenen Standort endet, sondern durchgängig gelebt wird. Genauso entscheidend ist unser Team. Nachhaltigkeit ist bei uns kein Konzept, sondern Teil der Haltung im Arbeitsalltag und somit Unternehmenskultur. Dadurch entstehen viele richtige Entscheidungen im operativen Ablauf automatisch – von der Mengenplanung bis zum Umgang mit Ressourcen.
Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit?
Für uns steht beides nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Viele Maßnahmen führen gleichzeitig zu erfolgreichen Prozessen und einem verantwortungsvolleren Ressourceneinsatz. Entscheidend sind eine präzise Planung, realistische Kalkulation und verlässliche Partnerstruktur. Dadurch vermeiden wir Überproduktion und unnötige Kosten. Gleichzeitig profitieren wir von einem engagierten Team und unserer geringen Mitarbeiterfluktuation. Nachhaltigkeit ist für uns eine intelligente Planung mit langfristigem Mehrwert – ökologisch, sozial und wirtschaftlich.
Welche Rolle spielen Recycling und Kreislaufwirtschaft in Ihrem Betrieb?
Recycling ist natürlich wichtig, unser Schwerpunkt liegt jedoch zunächst auf der Vermeidung von Abfällen. Besonders bei größeren Veranstaltungen verfolgen wir einen schlüssigen Zero-Waste-Ansatz. Darüber hinaus setzen wir auf die möglichst vollständige Verwertung von Lebensmitteln – nicht nur bei Fisch und Fleisch, sondern auch bei Gemüse. Wo Abfälle unvermeidbar sind, achten wir auf eine konsequente Trennung und Wiederverwertung. Unser Ziel ist es, funktionierende Kreisläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu fördern.
Wie hat sich die Nachfrage nach nachhaltigen Cateringkonzepten in den vergangenen Jahren verändert?
Das Thema hat sich deutlich professionalisiert. Nachhaltigkeit ist heute in Ausschreibungen und Vergabeverfahren fest verankert und wird von den meisten Auftraggebern als selbstverständlich vorausgesetzt. Gleichzeitig beobachten wir aktuell eine gewisse Zurückhaltung. Angesichts der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen stehen bei vielen Unternehmen derzeit andere Themen stärker im Fokus. Dennoch bleibt Nachhaltigkeit ein wichtiger Faktor bei der Planung und Umsetzung von Veranstaltungen. Ein aktuelles Beispiel ist die Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2026 im Eurogress Aachen, für die wir derzeit ein umfassendes nachhaltiges Cateringkonzept entwickeln.
Was wird aus Ihrer Sicht künftig Standard sein, was heute noch als Innovation gilt?
Viele Entwicklungen, die vor einigen Jahren noch als Innovation galten, sind heute bereits Standard. Ohne eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategie ist man in unserer Branche kaum noch wettbewerbsfähig. Was an Bedeutung gewinnen wird, sind eine datenbasierte Planung und noch präzisere Ressourcensteuerung. Die Frage wird künftig nicht mehr sein, ob eine Veranstaltung nachhaltig umgesetzt wird, sondern wie konsequent und professionell dies geschieht.
