CIM: Viele verbinden Improvisationstheater vor allem mit Unterhaltung. Was steckt darüber hinaus dahinter?
Claudia Behlendorf: Improvisationstheater besteht eigentlich aus zwei Teilen. Das eine ist natürlich Theater und Unterhaltung, bei der Szenen, Songs und Geschichten aus dem Moment entstehen und sehr stark vom Publikum inspiriert werden. Das andere ist eine Philosophie mit bestimmten Prinzipien und Techniken, die seit den 1940er- und 1950er-Jahren entwickelt wurden. Daraus hat sich die angewandte Improvisation entwickelt. Dabei geht es um die Frage, inwiefern die Erkenntnisse aus erfolgreicher Improvisation Menschen auch außerhalb der Bühne helfen können.
Wie setzen Sie diese Ansätze im Veranstaltungsbereich ein?
Die Bandbreite ist groß. Manchmal begleiten wir komplette Veranstaltungstage mit Moderation, Keynote, interaktiven Formaten und einer Abschluss-Show. Häufig werden wir aber auch nur für einzelne Bausteine gebucht – etwa für einen Workshop, ein Stop-and-Go-Theater oder ein Wrap-up. Wahrscheinlich werden wir sogar am häufigsten für unsere Abschluss-Shows engagiert.
Was ist denn Stop-and-Go-Theater ?
Wir bringen reale Situationen aus dem Arbeitsalltag auf die Bühne. Das Publikum kann dann eingreifen und sagen, wie es selbst in dieser Situation handeln würde. Gerade bei Themen wie Veränderung oder Kommunikation hilft das sehr, weil dort oft mit großen abstrakten Begriffen gearbeitet wird. Die Frage ist ja: Was bedeutet das konkret im Alltag? Was sollen Mitarbeitende in einer bestimmten Situation tatsächlich tun? Durch Stop-and-Go-Theater wird das sichtbar und direkt erlebbar.
Wie funktionieren Ihre Wrap-up-Formate?
Auf der Veranstaltung sammeln wir Eindrücke, Themen und Diskussionen. Die Inhalte greifen wir später auf der Bühne wieder auf. Das kann eine Improvisationsshow sein oder ein musikalisches Wrap-up. Bei einer Veranstaltung haben wir beispielsweise die gesamte Tagung als Musical auf die Bühne gebracht. Die Teilnehmenden erleben ihre eigenen Themen dadurch noch einmal aus einer völlig anderen Perspektive.
Was macht solche Formate für Tagungen und Kongresse interessant?
Wir spiegeln den Teilnehmenden ihre eigenen Themen zurück, mit Humor und einem Blick von außen. Wir entwickeln Szenen und nutzen ihre typischen Formulierungen, Fachbegriffe und branchenübliche Abkürzungen. Die Teilnehmenden erkennen sich wieder und können gemeinsam darüber lachen. Das schafft Verbindung. Gleichzeitig können auch Themen, die vielleicht schwierig oder konfliktbeladen sind, mit einem Augenzwinkern sichtbar werden.
Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Teilnehmenden?
Sehr häufig hören wir: „So lange habe ich schon lange nicht mehr gelacht.“ Gleichzeitig bleiben die Inhalte oft stärker in Erinnerung. Wir greifen Themen auf, die die Menschen den ganzen Tag beschäftigt haben, und verarbeiten sie in einer gemeinsamen Erfahrung. Das verbindet und sorgt dafür, dass die Veranstaltung anders in Erinnerung bleibt als viele andere.
Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, ein Format zum Thema Fehlerkultur bei einem sehr konservativen Versicherungsunternehmen. Dort gab es sogenannte „Fuck-up-Nachmittage“, bei denen Mitarbeitende und Führungskräfte über berufliches Scheitern gesprochen haben. Es ging ausdrücklich um echte Fehler und nicht um Geschichten, bei denen am Ende doch alles perfekt ausgegangen ist. Das hat unglaublich viel Offenheit geschaffen und zu sehr intensiven Gesprächen geführt. Für viele war es eine große Erleichterung zu erleben, dass Fehler offen angesprochen werden dürfen.
Welche Rolle spielt das Thema Fehler in der Improvisation?
Wir wollen beim Improvisationstheater natürlich keine Fehler machen. Aber Fehler sind Teil menschlichen Handelns, und wenn sie passieren, gehen wir möglichst gut damit um. Je routinierter wir im Umgang mit Fehlern werden, desto besser können wir auf sie reagieren – und zwar auf der Bühne genauso wie im Arbeitsalltag.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Behlendorf! Clara Petri
